Der sah sie gut und fest und freundlich an. Aber irgend etwas reizte sie dennoch. Ihre Nasenflügel bebten. Der scharfe Zug um ihren Mund trat deutlich hervor.

In diesem schwülen Augenblick begannen die einleitenden Takte der Musik durch den Raum zu schwirren. Ein Kommandoruf ertönte. Frau Konsul Krüger eilte an die Seite ihres Herrn zurück. Und all die vielen, vielen Paare, die den Raum bevölkerten, immer zu vier und vier je eine kleine Tanzwelt für sich bildend, schienen im Bann einer Suggestion. Alle hörten. Alle warteten, um beim rechten Takt, in der richtigen Sekunde zu zweit zu avancieren. Plötzlich kam rhythmische Bewegung in die Menge. Das fröhliche Hin und Her und wohlgeordnete Durcheinander des Tanzes wickelte sich ab. Bei vielen jungen Paaren wandelte sich das Vergnügen in den ernsthaften und leidenschaftlichen Eifer, alle Figuren der Quadrille in vollkommener Glattheit durchzuführen.

Die Klänge von hundert lachenden Stimmen, das Gleiten von hundert raschen Fußsohlen über den Estrich mischten sich mit den Schallwellen der Musik. Der ganze Raum schien bis zur Verwirrung von Tönen und von Bewegung erfüllt. Die weißen Kleider und die dunkeln Uniformen, die Blumen und die Goldlitzen, kahlgeschorene Männerköpfe und Frauenhäupter mit reichen Haarwellen, nackte Schultern und schwere Silberraupen, goldbefranste Epauletten — das alles glitt aneinander vorbei, kreiste umeinander, in einem Wirbel sich beständig anders schneidender Linien, ein fortwährend geschütteltes Kaleidoskop von Farbenfleckchen.

Über all dies bewegliche Gedränge flutete das Licht. Von der Hauptwand her beherrschte das Bild des Kaisers den Saal. Von der Kommandobrücke aus, als Admiral, sah er mit ehernem Ernst über das Festgewühl hin. Der feine Dunst und Staub, der in der Luft des Saales schwebte, zog einen leisen Schleier vor das Bild, so daß es wie von fern gesehenes Leben wirkte. Es war kein Gemälde mehr — es zauberte die Gegenwart des höchsten Herrn gleichsam in den Saal.

Bei einer der Tanzfiguren sah sich Jutta an der Seite des Kapitäns Hochhagen. Zwischen ihr und seiner eigenen Dame, dem Fräulein Gervasius, vor und zurück schreitend, während Reiswitz einzeln ihnen entgegenkam und wieder vor ihnen zurückzuweichen schien, sagte er rasch: „Ich betrage mich heute pflichtvergessen. Verzeihen Sie mir.“

„Ich bin ja heute mit Rosenfelds,“ sprach sie, „die passen ebensogut auf.“

„Das klingt ja fast erbittert.“

„So? Sollte es nicht ...“

Reiswitz ergriff wieder ihre Hand, man machte eine Ronde und trat an seinen Platz zurück.

Und ein andermal, als Hochhagen wieder ein paar Worte mit ihr wechseln konnte, hörte sie: „Malte hat geschrieben. Über den Brief muß ich mit Ihnen sprechen, darf ich morgen zum Tee kommen?“