Mit dieser selben Post schreibt Dir natürlich Emmich Hochhagen von seinem großen Glück, und an ausführlichen Hymnen über seine Braut wird er es nicht fehlen lassen. Auch Rosenfeld oder vielmehr Lisbeth wird Bericht erstatten, denn sie hat von damals her, wo Du noch nicht verheiratet warst und gleich anderen Kameraden von ihr an ihren Wagen gespannt wurdest, eine gewisse Eile, Dir bei jeder Gelegenheit zu schreiben. Man wird nur in Superlativen sprechen. Du weißt, daß ich mich nicht rasch anschließe, und daß auch andere Frauen gegen mich meist eine abwartende Haltung einnahmen. Als spürten sie, daß sie mir fast immer gleichgültig bleiben, oder daß ich da, wo ich mich zu interessieren anfange, leicht zu viel erwarte und dann in die erkältendste Enttäuschung falle ... so daß es für sie und mich beinahe gefährlich ist, wenn ich mich interessiere ...
Aber zu Renate Gervasius fühle ich mich in einer Weise hingezogen, wie es mir noch nicht vorgekommen ist. Ich habe wenig Gelegenheit gehabt, nah mit jungen Mädchen und Frauen zu verkehren. Wenn ich mit meiner Mutter im Sommer auf Schmylau zu Besuch war, verstand ich mich gut mit Lu und Fi. Durch unsere Heiraten kamen wir wie von selbst auseinander. Wir heirateten sozusagen in alle Wind- und Kulturrichtungen hinein. Hier wurde mir dann Lisbeth als ‚Freundin‘ in mein Dasein eingereiht. Lisbeth ist ein Bruder Lustig und eine gutherzige Frau, mit der man aber doch nicht ernsthaft sich über wichtigere Fragen auseinandersetzen kann.
Renate ist mir mit einer großen Liebe entgegengekommen, die noch den kleinen Zusatz von grundloser Schwärmerei hat, wie ganz unerfahrene Herzen sie hegen können. Renate ist wirklich sehr hübsch. Ihre regelmäßigen Züge mögen vielleicht nach ein paar Jahren eben durch Linienreinheit auffallen. Jetzt bezaubern sie durch die Weichheit. Obgleich ich ja nun Renate erst seit acht Tagen kenne, habe auch ich sie schon sehr lieb. Und der Gedanke, doch mit Menschen aus der hiesigen Welt zusammen zu sein, der mir noch vor acht Tagen unerwünscht schien, ist mir angenehm geworden, weil dies holde Mädchen meine Freundin sein will. Frau Geheimrat Gervasius ist eine sympathische Frau. Ein wenig Kristallkugel: sehr klar und abgerundet für sich, aber nicht mehr aufnahmefähig für Menschen und Dinge, die nicht schon, zugleich mit ihrem Werdegang, in ihr eigenes Leben fest mit einbeschlossen wurden. Der Geheimrat ist sehr bedeutend — nun, das versteht sich ja von selbst, das sagt sein Wirken, seine Stellung — ich meine: man spürt seinen beweglichen Geist, und es ist ein heiterer Geist in ihm — im merkwürdigen Gegensatz zu seinem Beruf.
Sie haben es mir angeboten, daß ich mich an sie anschließen darf. Vielleicht ist es wieder die Regie von Emmich. Aber in diesem Fall sehe ich nichts Erbitterndes darin.
Ich werde also zunächst in die Schweiz gehen. Die Wahl des Ortes war schwer. Der Geheimrat sah mich gestern abend, als ich zum erstenmal allein dort war, so oft beobachtend an. Er meinte, mir täte Hochalpenluft sehr not, ich sei wohl noch etwas erschöpft vom Wochenbett, habe mir nachher nicht genug Schonung gegönnt. Aber ich glaube, ich bin ganz wohl. Ich kann dem fremden Mann, der weder mein Arzt noch mein Freund ist, sondern nur erst ein Bekannter, der mir gütig begegnet, ich kann ihm nicht sagen, daß nur meine Seele krank ist, von all der Mühe, die Wahrheit und das Ziel des Lebens zu suchen.
Die Rücksicht auf mein kleines Kind muß immer das erste sein. Man darf das Experiment nicht machen, ob so eine kleine Lunge Hochalpenluft vertragen kann. Gervasius’ gehen nach Caux, hoch über dem Genfersee. Ich bleibe in der Nähe seiner Ufer. Es gibt da auch Plätze, die kühl sind, selbst im Sommer. Es ist die Rede von einer kleinen Pension, die hoch über der Uferstraße, im Schatten eines gewaltigen, bewaldeten Felsvorsprungs, unter Tannen fast versteckt liegt, oberhalb Chillon. Später, Anfang September, gehe ich nach Italien. Den Winter möchte ich in der Nähe Roms verleben. Nicht in der Stadt selbst, in Frascati vielleicht, oder wo sich mir sonst die Gelegenheit zu einer vorübergehenden Heimat bietet, die mir angenehm scheint. Aber im September bleibe ich noch mit Gervasius’ zusammen; die Geheimrätin, die eine Disposition zu rheumatischen Zuständen hat, denkt die heißen Höhlen von Monsummano zu benutzen; sie befinden sich in der Gegend bei Pistoja.
Es ist natürlich unmöglich, Dir Briefadressen zu notieren. Wie könnte ich mich von hier aus und schon jetzt dafür verbürgen, daß sie zutreffend bleiben. Unberechenbare Zufälle können mich, können uns bestimmen, Pläne und Plätze zu wechseln. Schreibe also nach Kiel. Ich werde die Post von meiner Adresse stets unterrichten. —
So weit, lieber Malte, kam ich gestern. Die halbe Nacht hatte ich geschrieben. Und nun ist es wieder still um mich her, und ich will versuchen, den Brief zu schließen. Wie unmöglich es mir auch scheint — denn es ist ja kein Brief — es ist ein Teil meines Lebens — ich möchte fortfahren zu sprechen und zu sprechen, bis ich eine unerschütterliche Wahrheit an sein Ende setzen könnte.
Alles, was ich schrieb, kommt mir dürftig vor. Besonders weil ich mir sagen muß: Du kannst es nicht begreifen. Wie solltest Du auch! Für Dich steht ein Bild fest: das von mir und unserer Liebe, wie alles war, da wir uns trennten.
Aber nur in der Erinnerung steht ein Wesen und ein Gefühl fest — im Leben wächst und wandelt alles weiter.