Und wir waren nicht Hand in Hand, als neue, große Dinge über mich kamen. Das ist es.

Leb wohl. Ich tue Dir weh. Ich wäre glücklicher, wenn ich Dir wohltun könnte. Aber ist in einer schmerzlichen Wahrheit nicht mehr Würde als in einer Lüge?

Leb wohl.

J.“

Als dieser Brief geschlossen und fortgesandt war, hatte die junge Frau einen kurzen Rausch von Genesungskräftigkeit. Nun war es gesagt! Dies einfache Gefühl: wahr gewesen zu sein, schien schon fast alle Fragen gelöst zu haben. Sie genoß die Empfindung, ihre Last von sich fort auf eine andere Seele gewälzt zu haben. Dies erste, unbewußt egoistische Fühlen, das einer Aussprache folgt. Sie dachte immerfort: „Daß mein Herz sich von ihm wendet, mußte ich ihm sagen. Wohin es sich wendet, das darf ich ihm nicht sagen. Sein Anteil an meinem Leben, sein Anrecht an mich endet mit meiner Liebe.“

Sie begann den Aufbruch vorzubereiten. Nach Art temperamentvoller Frauen konnte sie ein Gefühl der Befriedigung haben, wenn Arbeiten, die Überblick und ein gewisses organisatorisches Talent forderten, sie ganz in Anspruch nahmen.

Und immer wieder erzählte sie es mit halblauter Stimme dem kleinen Kind und nickte ihm zu, liebkosend, als verstehe es schon den Inhalt menschlicher Rede: „Wir gehen fort — in die schöne weite Welt gehen wir — da finden wir vielleicht das Glück ...“ Und das Kind lag in ihrem Schoß und trank aus der Flasche und sah mit blanken, stillen Augen zu dem hellen Fleck empor — den es noch nicht bewußt als das Gesicht der Mutter empfand — so lag es, von Behagen erfüllt, reinlich und angenehm, bis ihm vor Sattheit die Lider sanken.

„Wie rasch ist doch die Poesie eines Heims zerstört,“ dachte Jutta voll Beklemmung. Alles, was den Reiz einer Wohnung ausmacht, ist ja nicht vom Tapezier geliefert. Die Sachen allein haben den Zauber nicht in sich. Die Hand, die voll Liebe und Geschmack alles stellte und ordnete, nach zahllosen Versuchen und zärtlichen Berechnungen, die hatte alles gemacht ... „Meine eigene Hand,“ dachte sie.

Und plötzlich, indem das Haus zerfiel, begannen die Dinge zu reden. Es war förmlich, als seien in allen Ecken und Winkeln Geister versteckt gewesen, die sich aufgestört fühlten und in dringlichen, empörten Vorstellungen zu der Zerstörerin sprachen: Weißt du noch — weißt du noch? ...

Mit wieviel Vergnügen und Neckerei hatte Malte das oft erneute Umstellen der Möbel, die stets veränderte Anordnung der bunten Reiseerinnerungen begleitet. Immer, wenn er vom Dienst heimkam, sah er, daß an der Zierlichkeit und Gemütlichkeit des eigenen Nestes weitergeschafft worden war. Und er staunte die Erfindungsgabe der jungen Frau an — er lobte sie, wie nur verliebte Ehemänner loben können. Er genoß die Wohnlichkeit, Sauberkeit und Ordnung, wie nur Männer vermögen, die schon lange angefangen hatten, unter der Burschenwirtschaft zu leiden.