Aus ihrem eigenen schweren Herzen heraus hätte sie warnen mögen: bleibe die lachende und behütete, geliebte Tochter deiner Eltern — noch lange, lange ...
Renate dachte nicht daran, daß sie vielleicht störe, indem sie zwischen den Körben und Koffern herumsaß. Zuweilen löste sich aus der Fülle der Dinge, die hier geschichtet und verpackt wurden, eine Kleinigkeit los, die ihr als Schatz in den Schoß fiel: da waren ein paar Jugendbilder: Emmich Hochhagen als Leutnant z. S, ein Gruppenbild: Emmich, Rosenfeld und Malte, mit noch fünf Kameraden, als Seekadetten in den Steinbrüchen bei Syrakus; ein silberner, schmaler Becher, unter dessen Boden eingraviert stand: E. H. s. l. M. v. F. Und noch viele andere kameradschaftliche Erinnerungen an das gemeinsame Leben der Freunde.
Renate lachte alles an — machte aus jeder Sache eine Quelle der Freude. Alles sprach doch von ihm.
Aber schließlich wurde sie still. Der ernsthafte und schweigende Eifer, mit dem die junge Frau ihr Heim zerstörte, bedrückte sie.
Sie fing an, sich allerlei träumenden, vergleichenden Gedanken zu ergeben.
Als Kind hatte sie einmal eine große, sehr schöne Spieldose gehabt, auf der sich beim Klang der Töne Tänzerpaare anmutsvoll bewegten. Ihr fiel eines Tages ein, die Paare umzustellen, neu zu ordnen. Sie nahm die Mechanik auseinander. Als sie dann mit großer Sorgfalt neu zusammengefügt wurde, klangen die zarten Töne nicht mehr, und die Tänzerpaare kreisten nicht wieder. Das fiel ihr jetzt so wunderlich deutlich ein. Und in ihrem Ohr war ganz genau die zierliche, leise, melancholische Melodie des alten Wiener Walzers — ja, in Moll war sie gesetzt gewesen ...
„Jutta,“ begann sie etwas scheu, „tut es dir nicht weh? Ich meine: daß dies hier nun alles aufhört? Es war so hübsch. Und es hatte doch eine Geschichte für dich — hatte es nicht?“
Jutta richtete sich von der Kommodenschublade auf, über die sie gebückt gestanden. Sie strich die Haare aus dem Gesicht und sagte: „Ja, es tut weh.“
Der Ton war hart und kurz.
Warum? wollte Renate fragen, warum denn sich selbst weh tun?