Ach, immer weniger konnte sie es begreifen. Die Geschichte ihrer eigenen Liebe war noch so jung und für Fremde ganz alltäglich; aber dennoch hütete sie schon in ihrem Schubfach Erinnerungskleinode, von denen sie sich um keinen Preis getrennt hätte: das waren doch nicht Tisch- und Tanzkarten, nicht welke Blumen und Schiffsbänder — das waren eben Dokumente ihrer Herzenserlebnisse.

Und hier warfen die Hände, die ihn selbst errichtet, den ganzen Tempelbau zusammen?

Aber sie wagte nicht näher nachzufragen. Jutta dachte angstvoll: ich muß es ihr irgendwie erklären. Ihr war, als gehe hier ein Unrecht vor, und eine junge unschuldige Seele werde des Zeuge.

„Ja, weil dieses Heim Geschichte, zu viel Geschichte für mich hat, mag ich nicht mehr darin bleiben,“ sprach sie. „Ich habe mich in der letzten Zeit sehr unglücklich darin gefühlt.“

„Das kann es geben,“ dachte Renate bestürzt. Zwischen ihr und dem Leben hingen goldene Schleier. Sie hatte immer gewähnt: Glück, wenn man es einmal besaß, hat ewige Kraft, wirkt in alle Zukunft hinein — läßt nie Leere aufkommen.

Immer kam Renate in strahlender Fröhlichkeit. Und still, das ganze Wesen von Mitleid und Nachdenklichkeit erfüllt, ging sie davon.

Aber für ihr wie für jedes junge Herz hatte alles geheimnisvoll und leidenschaftlich Traurige eine unwiderstehliche Anziehungskraft.

Jeden Tag kam sie deshalb wieder. Emmich hatte sein Bordkommando angetreten und war wochentags mit der „Thuringia“ zu Schießübungen auf See.

Die Geheimrätin ließ die Tochter gern gehen. Sie begriff: Kameradenfrauen — das war nun neu und wichtig für Renate. Und dann hatte sie auch Mitleid für Frau von Falckenrott. „Die ist ja krank vor Sehnsucht nach ihrem Mann,“ dachte sie herzlich.

Und Renate hatte so viel köstliche Gesundheit in sich. Die mußte jeder kranken Seele wohltun. Gerade die Geheimrätin hätte wissen können, daß die Kranken zuweilen die Gesunden vergiften ...