Das gab der Landschaft die Zartheit und das Unwahrscheinliche einer Vision. Vielleicht konnte sie sich jeden Augenblick in Dunst auflösen. Die dünnen Farben, die hinter dem Silberstaub angedeutet schienen, konnten ganz verlöschen, das blasse Blau dort oben, das tiefere hier unten versiegen. Und das, was zwischen beiden Welten von leichtem Blau stand, die phantastischen Silhouetten, die Riesenberge eines fernen Traumlandes sein mochten, konnten sich in nichts auflösen.

Dies Gemälde, das leise auf schimmernden, weißgrauen, rosig angehauchten Flor hingetuscht schien, hatte in der Nähe des Ufers einige kräftigere Töne. Da schuppten auf der überdünsteten Flut stählern blitzende Lichter auf und verloschen sofort wieder. Sie hielten dem Blick nicht stand. Sie zuckten da und dort und überall.

Die herbe Morgenluft roch nach Wasser. Aber es war auch der kräuterige Duft in ihr aus den Tannenwäldern, die den felsigen Berghängen grüne Farbe gaben.

Auf der Anlegebrücke von Territet standen wartende Menschen. Der Dampfer kam von Montreux her, und mit ihm sollte die Fahrt, an Villeneuve und der Rhonemündung vorbei, an all die Küstenorte des französischen Ufers gehen. Es war ein buntes Gemisch von Gestalten: Touristen im bekannten Aufzug der praktischen Häßlichkeit; Badegäste in blütenweißer Eleganz, Landleute mit Sack und Pack.

Frau Gervasius, in einem sandfarbenen Schneiderkleid, mit einem lila Hut voll Blumen und Fittichen, wirkte fast wie die ältere Schwester der beiden jungen Damen, was ihr Gatte auch schmunzelnd attestiert hatte.

Renate und Jutta hatten kurze weiße Kleider an und einfache flotte Strohhüte. Der Morgenkühle halber trug die junge Frau noch einen rohseidenen Staubmantel. Und es war niemand auf der Brücke, der die schlanke, blasse Frau nicht mit einem bewundernden Blick gestreift hätte.

Auch der Geheimrat, im Panamahut und hellgrauen Anzug von allerbestem Schnitt, wirkte, ohne es zu ahnen, sehr auffallend. Die weltmännische und diskrete Vornehmheit seiner Erscheinung war auf den ersten Blick ganz und gar Durchschnitt bester Gesellschaft. Aber sowie man das bartlose, kluge und sehr durchgearbeitete Gesicht und die scharfen Augen hinter den Brillengläsern sah, dachte man: das ist jemand!

Er fühlte sich höchst behaglich als Hüter seiner drei Damen und legte eine Kunst an den Tag, die Ferienstimmung zu genießen, daß man mit ihm guter Laune werden mußte, man mochte wollen oder nicht.

Und Jutta — wollte eigentlich nicht!

Sie verstand sich selbst nun vollends gar nicht.