In dieser neuen Umwelt, wo die Schönheiten jubelten wie allzu rauschende Musik, betäubten wie allzu starker Wein, hier, wo alles fast brutal auf die Sinne eindrang und sich ihrer bemächtigte — hier schien es Jutta, als seien die letzten Monate voll Kampf und Not nur ein Traum gewesen.
Und sie glaubte es sich schuldig zu sein, unter ihrer Wirklichkeit fortwährend zu leiden. Sie begriff nicht, daß das menschliche Herz sich gegen einen gleichmäßig fortdauernden Druck wehrt und ihn zeitweise abstoßen muß, um überhaupt weiter schlagen zu können.
Der Geheimrat gab sich besondere Mühe mit ihr, das merkte sie bald. Dafür wollte sie dankbar sein, ihm das Lächeln zeigen, das er zu sehen wünschte. Die Güte hatte auch etwas Beschämendes — sie war wie ein Geschenk an die unrichtige Adresse. Denn Jutta spürte wohl: man ging von dem Glauben aus, daß sie sich nach ihrem Gatten sehne. Daß sie unter einem zwar starken, aber ganz klaren Gefühl leide.
Und sie versuchte die Wahrheit tief zu verstecken ...
Acht Tage hatte man sich der tatenlosen Freude ergeben, hier zu sein. Das Bewußtsein: Ferien! genügte. Das Auge war von dem in jeder Beleuchtung neuen Bild bis zur Anstrengung beschäftigt.
Aber bei dem Hinaufschauen war besonders den beiden Jungen, Renate und Jutta, der Wunsch gekommen, all diese lieblichen Stätten, die sich im blauen Seewasser spiegelten, nach und nach zu besuchen.
Und heute waren Geheimrats in der Morgenfrühe von Caux mit der Drahtseilbahn herabgekommen, und Jutta, ihr Kindchen in Marthas eifervolle Hut gebend, hatte sich im scharfrasselnden Einspännerchen herabfahren lassen.
Nun standen sie hier und sahen in den dünnflüssigen, silbrigen Schimmer des Morgenbildes hinaus, indes mit emsigem Puckern und geschwätzigem Rauschen das Dampfschiff herankam, mit dem derben Weiß seines Ölfarbenanstriches ein plumper Fleck in all dem zarten Zusammenklingen und Ineinanderfließen.
„Merkwürdig,“ sagte Jutta, „es ist mir, als wäre es ein großes Erlebnis, daß wir nun an das andere Ufer fahren. Ich hatte eine förmliche Sehnsucht danach.“
„Das ist vielen Menschen eigen,“ bemerkte der Geheimrat, „sie sehnen sich immer ans andere Ufer. Und fühlen sich um was betrogen, wenn sie da angekommen sind. Das sind die mit den wandernden Seelen. Sollte meine liebe verehrte neue Freundin auch solche Wanderseele haben?“ fragte er neckend.