Jutta wurde rot.
Sie sprach ein paar ableugnende Worte. Der Lärm, den der Dampfer machte, verschlang sie. Das Wasser brodelte grünweiß. Man wurde ein bißchen gedrängt und gestoßen und fand sich dann in einer Reihe, wie auf der Schulbank sitzend, wieder. Das Sonnensegel war gespannt. Man saß sehr angenehm. Renate schob leise ihren Arm in den der Freundin. Der Geheimrat hatte Jutta rechts, seine Frau links.
„Die Vorstellung kann unsertwegen beginnen,“ sagte er. „Wir haben bezahlt und warten auf das Klingelzeichen!“
Die Schiffsirene stieß einen greulichen Wutlaut aus, und wie ein störrisches Pferd begann das Boot sein Hinterteil zu drehen. Die Ufer glitten. Sie lagen im Schatten. Nur dort, über Villeneuve hinaus, in der östlichen Ecke des Sees, kam aus dem Rhonetal ein Sonnenstrom, er brach heraus zwischen den himmelanragenden Schranken der Gebirge, die ihn zu leiten und zu bändigen schienen, als seien sie ein Riesenkanal des Lichtes. Und im Bande dieses Sonnenstromes wälzte sich die gelbe, weißkochende Wassermenge des Flusses und strudelte hinein in das Blaugrün des Sees. Ein kurzer Kampf der Farben, umschäumt von aufbrodelndem Gischt. Und dann hatte der Riesenmund den breiten Faden des Stromes ganz verschluckt.
Eine Zeitlang unterhielten Jutta und Renate sich damit, an der schroffen, bewaldeten Bergwand, hinter dem wasserumspülten, klobigen, grauen Gemäuer des alten Schlosses Chillon, das Dach und ein paar Fenster ihrer Pension herauszufinden.
Aber die Landschaft drehte sich, als sei sie eine Wandeldekoration, die um den festen Mittelpunkt des Schiffes sich in langsamem Schwung hinziehe. Und das kleine Baufragment, das zwischen den Wipfeln herausgeschaut hatte wie ein Gesicht, das halb über den Zaun guckt, verschwand.
Im selben Moment bekam Jutta eine Angstempfindung. Weil sie das Dach nicht mehr sah, unter dem ihr Kind schlief ... Vielleicht deshalb. Sie wußte es nicht. Sie fuhr auf.
„Könnte ich aussteigen, könnte ich zurück, mir ist mit einem Male, als müßte etwas geschehen ...“
„Aber, liebe Frau! Ihre Martha ist eine Perle, die paßt wie ein Wachthund auf,“ tröstete die Geheimrätin.
„Pomade!“ mahnte der Geheimrat und ergriff Juttas Arm. „Nur immer Pomade!“