Der feine Turm von St. Gingolph kam in Sicht. Am abschüssigen Ufer klammerte sich das Städtchen an die Felsen.
Die Reisenden saßen schweigend und nahmen die Bilder in sich auf. Gervasius’ hatten nicht die Angewohnheit der Ellbogen und der stimmkräftigen Bewunderung. Sie stießen sich nicht auffordernd an und sagten nicht mit Augenaufschlag „o Gott“ zu den überraschenden Schönheitsakzenten. Sie fühlten von selbst, einer auf den anderen die Stärke seiner Empfindung übertragend, daß sie gemeinsam sich dankbar und staunend erhoben.
Einmal sahen Mutter und Tochter sich an und wußten, daß sie sich nicht nur mit ihren Blicken trafen. „Wäre Emmich hier,“ dachte Renate. „Wie wollte ich ihr gönnen, daß sie Emmich hier hätte,“ dachte die Mutter.
Und Jutta spürte, daß sie, obgleich Arm in Arm mit der Freundin sitzend, doch allein war.
Die beklemmende Unruhe, die sie vorhin so jäh und grundlos überfallen, wollte nicht still werden. Sie wußte gewiß, in einem starken Vorgefühl: es wird etwas passieren.
Sie wollte es niederzwingen. Ja, wirklich — es war Unsinn — was sollte denn geschehen?
Das Kind war gut betreut.
War vielleicht der ferne Mann von einem Unheil bedroht? Ja, ein kleiner, unscheinbarer Wanderer war unterwegs nach ihm — der Brief — er reiste jetzt über Länder und Meere und brachte ihm Kummer ... Aber es waren erst vierzehn Tage, seit sie ihn geschrieben hatte ... Er war noch ahnungslos ...
Die tausend Gefahren, mit denen sein Beruf jeden Tag den Mann bedrohte, waren in Juttas Vorstellung infolge der Gewohnheit nicht mehr etwas so schreckhaft Deutliches, daß sie dadurch beunruhigt wurde ...
Ich bin nervös, fühlte Jutta.