Sie dachte mit Vorsatz immer vorbei an dem einen, dem vielleicht in Wahrheit all ihre Unruhe galt.
Gerade in diesen Tagen konnten ihre Gedanken ihn nicht präzise suchen.
„Wir werden, wir dürfen uns nicht sehen. Aber ich bin immer in Ihrer Nähe —“ hatte er gesagt.
Bei ihrer Ankunft in der Pension hatte sie einige wenige Zeilen von ihm gefunden. Aus Genf. Zeilen, in denen alles, was zu sagen war, zwischen den Worten stand. Und er berichtete ihr, daß er eine kleine Reise zu machen habe, dann nach Genf zurückkehren und von dort über Bonneville nach Chamonix fahren wolle.
„Mit ängstlichem Vorsatz an mir von fern vorüber ...“ dachte sie. Ihn in der Gegend zu wissen, hatte zugleich etwas Beruhigendes und Aufreizendes.
Und manchmal schien ihr, als sei ja nun schon alles anders geworden, als sei der Zwang, sich meiden zu müssen, aufgehoben, weil sie ihrem Mann die Wahrheit gestanden ...
Emsig rauschte das Schiff. Die Uferbilder zogen langsam vorbei wie Schaustücke, in denen alle Reize gehäuft erscheinen.
Man näherte sich dem Ziel. Evian lagerte sich lachend und imposant an dem hier breiteren Rand hin. Am Kai, der sich über die Stadt hinaus zur Promenade verlängerte, standen die Platanen in endloser Reihe. Ihre dicken, hellen, bizarr moosgrün- und braungefleckten Stämme glichen einer unabsehbaren Säulenlinie. Weiße, palastähnliche Bauten reihten sich dahinter aneinander. Straßeneingänge öffneten sich zu emporführenden Gassen mit schmalen Bürgersteigen. Die Stadt schien sich steigend bis zum Prunkgebäude eines Hotels zu gipfeln.
Munteres und malerisches Leben war am Strand. Fischerbarken lagen da, auf denen eifrig hantiert wurde — in schweren Körben schaffte man die silberschuppige Frühbeute landwärts. Segeljachten, schlank und leicht, mehr für Spiel als für ernsten Sport, fast nur wie große Skier anzusehen, wiegten sich leise an ihren Ringen. Ein Dampfschiff löste sich gerade strudelnd von der Brücke, um dem ankommenden Platz zu machen. Auf der Anlegebrücke und auf dem Kai standen und gingen Badegäste. Sehr helle Farben beherrschten das ganze Bild, und es schien, als käme vom See her ein beständig vibrierender Reflex und gäbe ihm flimmernde Unruhe und vermenge doch zugleich alle Farbenwerte auf das unentwirrbarste.
Der Geheimrat übersprach noch einmal das Programm: „Also ihr, meine Damen, ihr tut das eurem Herzen doch allernächste: ihr guckt euch die Läden an ... Pariser Ableger — leider — Frau, ich baue auf deine vielbewährte Selbstbeherrschung ... zügle die Gelüste deiner Tochter. Um dein Ansehen zu wahren, sage ich nicht: auch deine eigenen! Eine Mutter hat keine Gelüste — wenigstens in der Meinung der Kinder. Sie, meine verehrte Frau, haben Ihr Baby nicht bei sich — können also so unvernünftig sein, wie es Ihnen beliebt.“