Und seltsam beklemmend mischte sich dies in die starke Sehnsucht, die sie nach dem fernen Verlobten hatte ...
Zuweilen ging ihr Blick von dem bleichen, ausdrucksvollen Gesicht fort und verlor sich in die Weite ... und all die weitgespannte Schönheit, die dann auf sie zuzuwallen schien, überwältigte sie. Wo war Emmich jetzt?
Tränen traten in ihre Augen ...
Jutta sah vor sich hin. Sie horchte der ruhevollen, männlichen Stimme und dem politischen Gespräch nach, ohne bestimmte Worte aufzunehmen. Ihr, der heimlich Zitternden, tat es wohl, zu spüren: der Mann beherrschte sich und die Lage.
Allmählich stieg ein heißes Glücksgefühl in ihr auf. Er war da ...
Das Leben hieß nicht mehr: warten!
Ungern schnitt der Geheimrat in die für ihn harmonische Stunde mit einem Gedanken an die davonlaufende Zeit hinein. Aber Programme, sagte er, müßten innegehalten werden, wenn man von Zug- und Dampferverbindungen abhinge, und wenn eine junge, übersorgliche Mutter schon bei Antritt der Fahrt von allerlei Ängsten befallen wurde, also gewiß Wert darauf lege, pünktlich heimzukommen.
Und dabei sah er Jutta herzlich und zugleich voll Achtung an.
„Diesen Mann geben wir aber nicht sogleich wieder frei,“ bestimmte er heiter, indem er seine Hand auf Gambergs Schulter legte. „Ihre Rückreise nach Genf hängt von gar nichts ab als von Ihrer Laune. Ihren Botschafter haben Sie ausführlich gesprochen, Ihrer Botschafterin einige Tage lang getreulich die Schleppe getragen. Was zieht Sie nach Chamonix? Ich rate Ihnen dringlich ab. Ich versichere Sie, der Montblanc ist schon im Begriff grau zu werden vor Entsetzen über all die Hotelküchendüfte, die das Tal zu seinen Füßen erfüllen. Wegen der durchrasenden Autos können Sie kaum auf der Straße spazieren gehen. Auf den Höhen aber ist Jahrmarkt. Ein Schützenfest ist eine Nachtstille gegen den Trubel auf Montanvert am Mer de glace. Bleiben Sie hier, oder vielmehr — kommen Sie zu uns nach Caux, oder nehmen Sie Wohnung in Glion, da sind Sie halbwegs zwischen uns und Ihrer Frau Cousine, die übrigens keine verwandtschaftlichen Gefühle an den Tag legt. Sonst würde sie ihre Überredungskünste spielen lassen ...“
„Ja, wirklich,“ sagte die Geheimrätin anstatt ihrer. „Bleiben Sie ein paar Tage in unserer Nähe. Ich meine auch, es würde die oft so ernste Stimmung unserer lieben Freundin aufheitern, wenn Sie sich einmal mit einem Verwandten aussprechen kann.“