Zwischen der Langsamkeit der Stunden und der leidenschaftlichen Ungeduld in ihrer Brust klaffte eine Disharmonie, die beklemmend war.
Auf dem Dampfschiff, zwischen Bouveret und Territet, bat Jutta flehentlich: „Darf Renate bei mir bleiben? Ich bringe sie selbst morgen hinauf. In der Pension ist ein Zimmer frei.“
„Ach ja,“ stimmte diese bei, „wir können dann zu Fuß hinauf — es muß herrlich sein durch den Wald und über die Alm — weißt du, Mama — die so in der Mulde liegt, mit der silbergrauen Hütte auf dem grünen Grund.“
„Kind, du hast ja keine Sachen mit.“
„Jutta leiht mir alles — und Kamm und Schwamm und Zahnbürste kaufen wir gleich in Territet.“
„Federleicht ist mein Gepäcke,“ zitierte der Geheimrat. Seine Frau hatte noch Bedenken. Wahrscheinlich aus mütterlicher Politik, meinte er, um ihre Zustimmung als wichtigen Akt erscheinen zu lassen.
Sie hatten dann beinahe ein Gefühl wie Mädchen, die die Schule schwänzen, als sie, nach Abfahrt der Eltern, noch in Territet herumliefen.
So jung waren sie in ihrer Stimmung — auch Jutta — plötzlich ganz voll übermütiger Jugend.
Dann fuhren sie im Einspännerchen bergan, durch düstere und doch heiße Tannenstrecken. Bis sie zur Pension kamen, wo Jutta ein Wiedersehen mit der Kleinen feierte, als läge eine lange Trennung hinter ihr.
Sie konnte das Kind noch für die Nacht zurechtmachen und es waschen und tränken und Martha loben, daß nichts passiert sei, und dem kleinen Wesen, das zufrieden lag und mit seinen tiefen, rätselvollen Blicken guckte, erzählen, daß Mutti einen herrlichen Tag erlebt habe ... alles bekam Baby zu hören, in ausführlichen, flüsternden Worten, die von heimlichem Jubel durchglüht waren. Bis Baby die Augen zufielen ...