Da verlosch auch die Jubelstimmung im Herzen der Frau.

Nur Unruhe blieb und das Gefühl, als habe plötzlich alles eine enttäuschende Wendung genommen.

Man wurde zum späten Diner in den Speisesaal gerufen. Da waren noch einige Pensionäre, allerhand Menschen, denen Jutta die kargen Höflichkeiten gönnte, die erforderlich sind, wenn man unter dem gleichen engen Dach schläft, an einem Tisch miteinander speist. Mit angezogenen Ellbogen saßen sie und handhabten die Bestecke geziert, aßen Brotbrocken zwischen den Gängen und erstatteten einander Bericht über die Ausflüge, die sie, jeder für sich, gemacht hatten. Und alles war von einer so unaussprechlichen Leere und Gleichgültigkeit erfüllt. Und wenn einer der Tischgenossen eine Bemerkung von bescheidener Heiterkeit machte, lächelte man wichtig, als sei es amüsant.

Bei jeder Mahlzeit, die Jutta noch hier eingenommen, hatte sie die Furchtbarkeit dieses Zwangs gefühlt, mit zusammengewürfelten Menschen zu sitzen und Blick und Miene auf diese Leerheit abzustimmen. Förmlich verzehrt hatte sie sich vor Verlangen nach ihren einsamen Mahlzeiten in ihrem eigenen hübschen Speisezimmer ... Aber das gab es ja nicht mehr — dahin war keine Rückkehr — sie selbst hatte es zerstört ...

Heute ertrug es sich gut. Die liebe Renate war da. In ihrer köstlichen Unbefangenheit, die sich durch Farcen nicht gestört fühlte, weil sie sie als solche noch nicht erkannte.

Und dann kam der Abend.

Auf Juttas Balkon saßen sie und staunten in die rasch wachsende Dämmerung hinaus. Dieses merkwürdig schwebende Grau wuchs von allen Seiten in die Welt hinein, es schien aus der Fläche des Sees emporzusteigen, es wallte leise vom Himmel herab, es breitete sich aus den Bergwänden hervor und wurde tiefer und tiefer. Am weiten Kreis der Ufer blitzten Lichterketten, und in ihnen war ein Verlöschen und Wiederaufzucken, als spielten da unsichtbare Finger auf leuchtenden Tasten. Blanke Raupen krochen über die dunkle Fläche des Sees, fremdartige Raupen, deren Sirenenschrei bis hier herauf tönte durch die feierlich weite Stille. Aus dem Rhonetal, das in dem Schwarz der gigantischen Gebirgsmauern hinweggelöscht schien, kam, wie aus einem Tunnelmund, ein Zug mit feurigem Zyklopenauge und verschwand sogleich wieder dem Blick, weil er den Weg nah am Fuß des Hanges entlang nahm.

Jutta mußte an eine andere Sommernacht denken. An jene ferne, da sie im purpurnen Dunkel des Parks, in seinem schwülen Rosenduft, sich von zwei Armen umschlossen gefühlt hatte ...

Ganz deutlich, durch die Kraft ihrer Sehnsucht Gegenwart geworden, spürte sie den Kuß auf ihren Lippen ... seinen Kuß.

Und aus der weiten, heißen Sommernacht, aus ihrem von Liebesgeheimnissen überfüllten Schweigen stieg ein Rausch auf und verführte die Frau. Sie vergaß ihre Ehe. Ihr Kind. Alles.