„Du hättest sie zwingen sollen, sich aufs Bett zu legen.“

„Zwang auf erregte oder abgespannte Nerven ausüben wollen, halte ich für ganz verkehrt.“

„Im allgemeinen wohl. Aber wenn wie hier die Ursache am Tage liegt ...“

Die Geheimrätin stickte auf einem hellgrauen, in Taschenform zugeschnittenen Stück Brokat das Blumenmuster nach. Die dazu nötigen blassen, grünen und rosa Seidenfäden lagen auf dem Tisch.

Das hohe Halbrund einer Koniferenwand umschrankte ihren Platz, von dem aus, zwischen den Rahmenpfeilern zweier glatt verschnittenen Tujas, sie das paradiesische Stück Welt überblicken konnte.

Jetzt wandelte die Gestalt ihres Mannes, der seine Zigarette rauchte, als Vordergrundfigur immerfort hin und her vor der Fernsicht, deren Reize in diesem Moment die Geheimrätin übrigens ganz kalt ließen. Ihretwegen hätten sich da tellerplatte märkische Kartoffelfelder anstatt des Genfersees hinbreiten können. Denn sie dachte an gar nichts als an ihre Tochter und deren unbegreiflichen, höchst beunruhigenden Gemütszustand.

„So,“ sagte sie jetzt und beäugte mit größter Genauigkeit den dornenbesetzten Rosenstengel, den sie eben fertig bekommen hatte. „So? ... für dich liegt die Ursache am Tage ...?“

Er stand still.

„Nun, sie waren von der Pension bergan gestiegen und hatten dazu beinahe drei Stunden gebraucht. Es war heiß gewesen, sie brachen zu spät auf und kamen fast in die Mittagsglut hinein. Sowie nun Renée zu dir ins kühle und schummrige Zimmer kommt, löst sich die Übermüdung in einen Tränenausbruch.“

„Ach Mann — wir kennen doch das Kind besser — die kann doch acht Stunden wandern und kommt ebenso lustig an, wie sie ausgegangen ist, und schmaust wie ’n Bauernjunge und braucht keinen Schlaf ... Und heut: nicht mal zum Lunch wollte sie — ins Zimmer mußte man ihr das Essen bringen — und aß nichts — und immer von neuem kamen Tränen. Und Jutta hält sich gar nicht auf — nimmt sofort den Zug bergab, der, ihr offenbar sehr gelegen, noch gerade zu erwischen war — voll Eile zu ihrem Kind zurückzukommen. Na ja, sie ist ja ’ne treue kleine Mutter ... Aber diesmal, weißt du — diesmal wirkte es doch etwas wie schlechtes Gewissen.“