Es wirkte, als sei vielleicht ein Ballon von da unten emporgestiegen und habe hier ein ungewähltes Stück Zivilisation abgesetzt. Nun schnurrte das gewohnheitsmäßig seine Funktionen ab, auf die es eingestellt war. Der Gegensatz schrie, wie Farben schreien, die nicht zueinander passen.
Vom Zug hasteten die Touristen zum Gerüst der Aussichtstribüne, als würden sie den Anfang des Schauspiels versäumen, für das sie voll bezahlt hatten, wenn sie sich nicht eilten. Kellner standen in der Tür des Hotels und taxierten, wie viele von den Vorbeiströmenden wohl zum Lunch kommen würden. Im riesigen Speisesaal, aus Holz und Glas, warteten die Tische wie zu schützenfestlicher Generalabspeisung.
Aus irgendeinem Grunde wurde vor dem Hotel eine neben dem Türpfosten befestigte, grelltönende Glocke geläutet, der Kellner, dem dies oblag, zog an dem Strick mit einem leidenschaftlichen und genauen Rhythmus. Dicht dabei, an einem mit schon geleerten Weinflaschen bestandenen Tisch, hielten sich kreischende Frauen die Ohren zu und taten empfindlich, während ihre freudeheißen Gesichter den Männern breit zulachten, davon einer gerade sein rot gefülltes fußloses Glas hoch emporhob zum Wohl der sonntäglich geputzten derben Schönen.
Der Geheimrat brauchte sich mit seiner Gesellschaft nur durch Blicke zu verständigen — sie waren einig in dem Wunsch, sich von dem Treiben recht weit zu entfernen. Langsam spazierten sie auf dem Gelände dahin; es stieg und fiel ab und war doch alles der fast hufeisenförmige Gipfel des Berges.
Sie fanden einen grünbenarbten kleinen Hang, der wie ein amphitheatralischer Sitz einlud. Und der Geheimrat zog wieder eins seiner berühmten Reservetaschentücher heraus, breitete es säuberlich hin und setzte sich darauf, obschon der Bewuchs der Erdkrumen ein aus Rasen und Kräutern ineinanderverfilztes trockenes Lager geboten hätte.
Neben ihm suchten sich Jutta und Herbert Gamberg ihren Platz, Jutta zwischen den beiden Herren. Ganz wie von selbst blieb man zusammen, wie der Zufall es bei der Herauffahrt gefügt.
Die Art, wie Frau Gervasius ihre Tochter eng neben sich behielt, hatte fast etwas Demonstratives — in aller Unbewußtheit — als wolle sie sich und unwillkürlich damit auch den anderen zeigen: noch ist es mein Kind! Noch bin ich die Nächste zu ihrem Vertrauen, ihren Kümmernissen. Und Renate, ein wenig schweigsam und oft von einem ganz bohrenden Nachdenken wie hinweggeführt aus dem gegenwärtigen Zustand, hing sich an die Mutter und suchte sich auch mit ihr zusammen einen Platz, fern von den anderen, und als sie dann saß, legte sie ihren Hut in den Schoß und ihren Kopf an die Schulter der Mutter. Still träumten sie beide hinaus. Und indem sie das große Bild zu bewundern schienen, waren ihre Gedanken doch eigentlich stark beschäftigt. Die Mutter wartete, voll Vorsicht, aber doch auch voll Begierde, ob die Tochter nicht sprechen würde. Aber der Tochter war es Zuflucht und Vertrauen genug, in all ihrer Furcht diesen guten, sicheren Platz zu haben, wo man ohne Erklärungen fest sich anlehnen durfte.
Gewiß — so fühlte sie — verstand die Mama von selbst, daß es viele, viele Dinge und Fragen gab, über die eine Braut schwer nachzudenken hatte. Denn einmal sagte sie es doch selbst: man müßte die Brautzeit nicht nur durchjubeln, sondern auch zur ernsten Einkehr benutzen.
Manchmal seufzte Renate, ohne es zu wissen. Und die schweigende Mutter horchte bekümmert dem Seufzer nach.
Der Geheimrat bog sich ein wenig zurück, um mal zu konstatieren, wo Frau und Tochter sich denn eigentlich niedergelassen hatten. Er fühlte wohl: die zwei freimauerten heute ein wenig zusammen — schlossen ihn und alle Welt von ihrem Bündnis aus. Er streifte es mit keinem Wort. Aber er dachte: gut so — gut so! Er wußte ja: zwischen Müttern und Töchtern gibt es merkwürdige Dinge: ein Verstehen, bloß aus dem Gefühl heraus, ohne Worte, das ans Wunderbare grenzt ... als seien da Fäden, die nichts zerreißen konnte ...