Nun saß man lange schweigend. In diesem gigantischen Weltbild da vor ihnen war keine Einheitlichkeit der Stimmung. In ruhevoller, ernster Pracht stieg zu ihren Füßen der Berg hinab, mit grünen Matten und tiefen Wäldern. Über ihrer Linie sah man den See, im beizenden, blitzenden Blau bestrahlter Edelsteine — die zierlichen Ufer überlächelte der Sonnenschein. Das war von so versucherischer, sündhafter Grazie, von so gesteigerter Schönheit, daß man in begehrlichem Verlangen die Arme hätte ausbreiten mögen, um in ihr zu vergehen.
Zur Rechten und geradeaus verschwamm diese glänzende Üppigkeit ins Grenzenlose, ihre Abschlußlinie ging unter im Duft der Ferne, so daß es schien, die ganze Erde sei von ihrem Herrlichkeitswesen. Aber zur Linken und geradeaus traf der Blick auf die harte und düstere Mauer der Hochalpen. Über der Wucht des grauen Felsenmassivs des Dent du Midi erstreckten sich Gletscher, waren wie weißblaue Fetzen zwischen Felsschroffen geworfen und eingeklemmt; dahinter drängten sich, fern und immer ferner, eisige Gipfel — da ahnte man eine Welt von tödlicher Leere und Kälte — ein Durcheinander von furchtbaren Einöden.
Der Himmel hielt das Bild zusammen — spannte sich über all diese Töne hinüber. Sein Blau war von solcher Tiefe, daß es dem hinauf sich bohrenden Blick zuletzt schwarz erschien ... Und weiße, einsame Wolken zogen ...
Tief unter ihnen zog ihr Schatten mit ...
Diesem lautlosen Riesenspiel des Lichtes mit den Wolken sahen sie, wie bezaubert davon, zu.
Jutta saß schweigend, von einer an Andacht grenzenden Wonne halb betäubt. Sie genoß die schöne Stunde zusammen mit dem Mann, der sie liebte! Dies Wissen: geliebt zu sein, das werbende Sehnen und Begehren neben sich zu spüren, erhöhte ihr noch die Gewalt dieses Blickes in unerhörte Naturwunder.
„Wären wir allein hier!“ dachte sie in heißem Wunsch — „Hand in Hand, hoch über der Welt ...“
Fühlte er nicht das gleiche? Sagte er nicht aus dieser Notwendigkeit heraus plötzlich halblaut: „Es wäre schöner, zu Fuß hinabzusteigen.“
„Ja, ja ...“ gab sie hastig zu.
„Ob es schöner wäre!“ sagte der Geheimrat. „Wenn Sie Lust dazu haben, ich bitte Sie, unabhängig zu sein. Wir können da heute nicht mithalten ... mein Töchterlein scheint ein wenig flau — ist still — sie soll sich nicht anstrengen ...“