Und schritten weiter. So sehr damit beschäftigt, den Aufruhr ihres Gemütes in eine erträgliche Gefaßtheit zu bringen, daß ihnen der Weg gar nichts und die Zeit etwas Unbemerkbares war.
Bis sie auf einmal vor der Pforte der Pension standen — einer hohen Pforte aus Drahtnetz, zwischen Eisenstäbe gespannt, von der aus das Gitter weiterging, die Tannen des Waldes von den Tannen des Gartens scheidend. Hier war es sonnenlos. Auf ihren sachten Füßen hatte die Dämmerung sich schon aus den Schluchten der Berge herausgeschlichen und lief nun über den See und warf die grauen Schleier der Abendstille über ihn hin.
Noch einmal, zu wortlosem Abschied, küßte er die Hand der Frau. Und sein herbes, feierliches Schweigen gelobte ihr mehr zu, als Worte gekonnt hätten.
Ein letzter Blick und gute Nacht.
Drinnen stand auch schon das Schicksal und wartete, um mit einem harten Anruf diese erschöpfte Seele zu erschrecken. Als Jutta ihr Zimmer betrat, fand sie einen fremden Mann darin, der über das Lager des Kindes sich beugte, neben dem Martha auf den Knien lag.
Dieser Mann war ein Arzt.
Und ihr kleines Kind war sehr krank.
VIII
Niemand wäre auf die Vermutung gekommen, daß der Legationsrat von Gamberg ein Mann sei, der in schweren Kämpfen stehe. In seinem Hotel richtete sich die Aufmerksamkeit vieler auf ihn; seine vornehme Erscheinung sowohl wie seine ihm eigentümliche Haltung von etwas ablehnender Steifheit forderten die Neugierde heraus. Aber zu denken, daß dieser korrekt aussehende Mann in harter Seelennot sei, hätte kein Mensch sich unterstanden. Die kleine, strenge Falte auf seiner Stirn, der etwas scharfe Zug um den Mund wirkten auf die ihn Beobachtenden als Hochmut. Daß seine hellen Augen mit so leerem Ausdruck über die anderen Gäste gingen, als nähmen die Blicke an nichts Anteil, verschärfte den Eindruck des Stolzes. Nun gibt es überall Menschen, die durchaus wissen müssen, wer der andere ist. Die die Fremdenbücher oder den Portier befragen und ein dringliches Interesse nach Nam’ und Art von Gestalten haben, die gar nicht zu ihrem Lebenskreis gehören. Deren eigentlichster und Hauptreisezweck zu sein scheint, sich den Begriff Publikum in Einzelwesen zu zerlegen, und die sich erst zu unterhalten meinen, wenn sie einen Hinz entdecken, zu dem sie durch einen Kunz Beziehungen haben.
So blieb auch Gamberg nicht von Annäherungen verschont. Gerade weil er so sehr in sich verschlossen durch die Menge ging, schien es doppelt zu reizen, dennoch mit ihm ins Gespräch zu kommen. Auch hat es — undeutlich — stets etwas Auszeichnendes, von einem Einsamen in seine Einsamkeit aufgenommen zu werden.