„Der Bruder meiner Frau ist doch mit einer Schmylauer Tochter verheiratet! Das wissen Sie doch, Herr Legationsrat?! Na, und Lu ist ja so was wie ’ne Cousine von Ihnen. — Wenn Sie damals, als Lu heiratete, nicht überseeisch gewesen wären, hätten wir uns auf ihrer Hochzeit kennen gelernt — na, und nun dacht’ ich: so ’ne versäumte Gelegenheit muß man nachholen. Ich muß doch Lu ’nen Gruß von Ihnen bringen können.“

Gamberg sagte halblaut und sehr förmlich, daß er in der Tat über die Familie, in die Lu, jetzt Frau von Lemkow, hineingeheiratet habe, nicht näher unterrichtet gewesen sei. Er drückte die Hoffnung aus, daß es Lu Lemkow gut ergehe, und daß sie glücklich geworden sei.

Damit hatte er gleichsam einen Vogelkäfig geöffnet. Die Mitteilungen flatterten nur so heraus und ihm um die Ohren. Sie hätten ihn in ihrem raschen Durcheinander verwirren müssen, wenn er überhaupt recht zugehört haben würde. Er verstand die Kunst, in aufmerksamer Haltung auf sich einsprechen zu lassen, ab und zu durch eine steife Kopfbewegung, eine überall passende, weil ganz inhaltlose Zwischenbemerkung Anteil zu zeigen und doch mit seinen Gedanken wo anders zu sein.

Wilmers, für den das Leben sozusagen eine Angelegenheit mit Pneumatik zu sein schien — manchmal platzt sie, aber man kann ja andere Gummireifen umlegen, und nach kurzer Störung geht’s famos weiter — Wilmers verbreitete sich genau über die Umstände und Charaktere der Lemkows. Es waren großartige Menschen. Konnten alles, wußten alles, wollten alles. Und Gentlemen durch und durch. Nichts fehlte ihnen wie der Nervus rerum. Und da war es ja ihr Glück, daß sie einen Mann in die Familie gekriegt hatten, der Geld besaß und es mit liberaler Hand hergab, wo er sah, daß man klug damit arbeiten würde.

So kam Lus Mann auf der Domäne hoch, die zu pachten er von Haus aus natürlich kein Geld gehabt hätte. So kultivierte ein anderer Lemkow mit bedeutendem Gewinn Ländereien in Südsibirien; das Kapital hatte er unter den günstigsten Bedingungen bekommen. Daß er selbst, der hier gegenwärtige Wilmers, der sich übrigens in keiner Hinsicht damit herausstreichen wollte, das „Glück“ der Lemkows sei, erhellte aus dem Vortrag von selbst. Wilmers wehrte vorweg jedes Lob und alle Bewunderung ab, die Herr Legationsrat ihm etwa würde zollen wollen. Er war ein ganz einfacher Mann — er hatte bloß ’n offenen Kopf und ein gutes Herz und ’n Blick dafür, wie weithin man nützen kann, wenn man Fähigen Mittel gibt. Ja, so war er. Aber er mochte nicht, daß viel davon gesprochen wurde.

Unterdes kämpfte Herbert ein peinliches Gefühl nieder, das beinahe ein Schmerz war.

Er hörte Namen nennen, in denen ein Klang von Erinnerungen mitzitterte. Gerade jetzt ertrug er sie nicht ...

Ganz derb, ganz ahnungslos hing dieser Mann mit jenen fernen, holden Hochsommertagen zusammen ... Wo er an der jungen Liebe der Geliebten vorübergegangen war. Wo sein Verstand, seine Pläne dagegen gesprochen hatten, aus Sommerträumen Lebensernst zu machen ...

Dieser Mann, der der Familienbankier der Lemkows zu sein schien, hatte auch offenbar ungewöhnliches Gedächtnis, Überblick und Interesse für all ihre Beziehungen. Es waren ersichtlich seine Renommierverwandten. Herbert hörte, dann und wann ein Detail aus der Fülle der Vertraulichkeiten erfassend, daß Wilmers genau Bescheid wußte, wie gastfrei es ehemals auf Schmylau zugegangen sei, und wer dort alles zu Sommerzeiten eingeladen zu werden pflegte.

Er bebte davor, daß nun gleich auch Juttas Name fallen werde. Daß er dann sagen müsse: sie ist hier, wohnt zehn Minuten von uns in einer Pension.