Aus dieser Furcht gewann er so viel Lebendigkeit, um wirklich mit Wilmers zu sprechen, ihm nicht nur, in die Abwehr kalter Höflichkeit gehüllt, zuzuhören.

„Sie sind als Passant hier?“

„I bewahre. Wie Sie mich da sehen, so unglaublich es klingt: ich bin nervös. Soll subalpin bleiben, aber dennoch so gewissermaßen in Hochalpenstimmung leben. Man hatte mir irgend so ’n Nest in den Bergen drinnen verordnet — war mir zu eingesperrt — auch die Gesellschaft — second — wissen Sie, Herr Legationsrat, ich lege den äußersten Wert auf beste Gesellschaft ... Ich habe hier einen höchst schicken Kreis ... Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie einzuführen — wo wir — man kann ja beinahe sagen über die Schmylauer weg, fast verwandt sind ...“

„Verzeihen Sie, Herr Wilmers, aber ich bin auf Reisen, um mich von der Gesellschaft zu erholen.“

„Ah — na ja — verstehe vollkommen — wo sie zu Ihrem Metier gehört! Mit allem, was mit ’m Metier zusammenhängt, mag man unterwegs nichts zu tun haben. Lassen wir also alle meine Bekannten weg. Wir können allein mal was zusammen unternehmen, Tagespartien — ich halte Ihnen alle zudringlichen Menschen fern, darin hab’ ich ’ne förmliche Kunst. Wenn es etwas gibt, das ich hasse, ist es Zudringlichkeit!“

„Leider reise ich schon heute ab,“ sagte Herbert Gamberg mit so viel Nachdruck, daß der andere ein großes Bedauern heraushörte und nachher seinem schicken Kreis erzählen konnte: der Legationsrat war todunglücklich, daß er ausgerechnet in einem Moment abreisen muß, wo man sich eben gefunden hatte.

Er selbst erschrak beinahe, als er es gesagt. Mit dem lauten Wort war nun der Entschluß unwiderruflich geworden, an den er in den schweren Stunden der letzten Nacht immer wieder gedacht hatte.

Es war nicht ganz einfach, Herrn Wilmers zu dem Gefühl zu bringen, daß es Zeit sei, den Besuch am Tisch zu beenden. Das bewährte Mittel, Gesprächspausen eintreten und auffällig werden zu lassen, konnte Herbert nicht anwenden; die Lebhaftigkeit des Herrn Wilmers wurde immer behaglicher und intimer; er führte die Unterhaltung mit einer sprachlichen Rüstigkeit unerschöpflicher Art.

Es blieb nichts weiter übrig, als zu sagen: meine Zeit ist knapp.

Dann gab es einen Abschied, aus dem Herbert schließen durfte, daß er für den Rest seines Lebens unter die nächsten Freunde des Herrn Wilmers gezählt werden würde.