„Was fehlt dem Kind?“ fragte er.

„Ich weiß nicht. Wir verstehen es nicht. Es fing gestern an zu erbrechen, viele Male, ich flehte gleich Madam’ im Bureau an, daß ’n Doktor kommen solle — er spricht mit der gnädigen Frau Französisch — ach, Herr Legationsrat, wenn ich es mal so sagen darf — ich glaub’, sie hat kein Vertrauen zu ihm — sie mag sein Gesicht nicht leiden — sie hat wohl schon sechsmal gesagt: ‚Martha, er kann ja ganz tüchtig sein!‘ Wissen Sie wohl — wie man so spricht, wenn man es ganz inwendig eigentlich nich denkt.“

„Haben Sie nicht an den Geheimrat telephoniert?“

„Er ist kein Kinderarzt, sagt die gnädige Frau.“

„Nun, er würde aber doch ...“ Herbert Gamberg dachte nach, während Martha mit ihren wasserhellen Augen andächtig an ihm hing — als müsse von ihm, nur weil er der einzige Mann war, den sie hier kannten, unbedingt Trost kommen. Und sie berichtete es nachher auch ihrer Herrin: man sah wohl, wie nah’ es ihm geht, er war weiß wie der Kalk an der Wand.

Er stand und erwog: ihr ein Wort der Ermutigung schreiben? Nein. Nichts. Sie wußte von selbst: er sei zur Stelle, wenn sie ihn brauchte. Er fand es zarter, zu schweigen. Aber helfen — das einzige tun, was hier Trost geben konnte. Sie mochte den Arzt nicht, sagte Martha. Und begründete das in aller Einfalt ganz richtig mit dem grundlosesten aller Gründe: sie mag sein Gesicht nicht leiden. Wer kennt so etwas nicht, man wehrt sich stark gegen Helfer und Kluge und Gute, weil vielleicht eine kleine Linie in ihrem Angesicht einem widerstrebt ... Er traute Jutta eine große Kraft des Widerwillens in solchem Fall von Antipathie zu.

„Hören Sie, liebe Martha ...“

Sie war nichts wie Ohr und Auge.

„Sagen Sie: ich würde nach Lausanne telephonieren. Dort gibt es unter allen Umständen einen erfahrenen Kinderarzt, dem wir völlig vertrauen dürfen. Vielleicht kann er in zwei, drei Stunden zur Stelle sein. Ich kehre jetzt in mein Hotel zurück und telephoniere Ihnen, wen ich herbekomme und wann. Ich werde den Herrn von der Bahn holen und herbegleiten. Mein Diener kann sich hier einquartieren und Ihnen zur Hand sein.“

„Ja,“ sagte Martha, „ja, das ist schön.“