Der Geheimrat fand, daß ihr Gefühl das Richtige sei. Mit Herbert von Gamberg, den sie im Garten der Pension trafen, saßen sie noch ziemlich lange zusammen. Und der Geheimrat setzte seiner Frau und seiner Tochter — die sich treulos vorkamen, weil sie nicht helfen konnten — herzlich auseinander, daß ihr Anerbieten, in der Nähe bleiben zu wollen, fast das naive Zugeständnis gewesen sei: wir halten das Kind für verloren.
Gamberg saß mit zusammengepreßten Lippen; er wagte nicht zu fragen: glauben Sie, daß es stirbt?
Auf irgendeine ganz unbestimmbare Weise hatte er das Gefühl: vom Leben oder Tod dieses Kindes hängt meine Zukunft ab. Er haßte undeutliche Empfindungen, sie schienen ihm immer etwas von seiner inneren Sicherheit zu nehmen. Aber dies drängte sich ihm beklemmend, spannungsvoll mehr und mehr auf. Und doch hätte er seinem Aberglauben nicht einmal so genau ins Gesicht sehen können, um zu wissen: das Kind muß sterben, oder es muß leben, damit die Geliebte gewiß mein wird.
Was er nicht fragte, besprach nach Frauenart ausgiebig die Frau Geheimrat. Aber ihr Mann konnte ihr auch nur sagen, daß es bei so kleinen Kindern schließlich alles auf die Zähigkeit ankäme. Renate saß verschüchtert und mit angstvollen Mienen dabei. Sie hätte am liebsten immerfort weinen mögen ... Wegen ihres Vaters nahm sie sich zusammen ... Er wollte, wenn man weinte, immer so ganz genau wissen: warum denn? Und grenzte damit stets so merkwürdig rasch den Kummer ab ... Jetzt hätte Renate auf dies „Warum?“ nicht wahrheitsgemäß antworten können: „aus Mitleid mit Jutta“, denn eigentlich war ihr, als gäbe es außerdem noch viele, viele Gründe zum Weinen, man wisse sie nur selbst nicht genau ...
Endlich entschlossen Gervasius’ sich, wieder hinaufzufahren, und Herbert versprach ihnen, noch zweimal einen Bericht zu telephonieren, denn er natürlich, er werde sich vorzugsweise hier aufhalten. Geheimrats fanden es auch ganz selbstverständlich.
Dann schien eine große Pause in dem Gang der Ereignisse einzutreten, die nachmals vielleicht dem Gedächtnis der Beteiligten ganz entschwand. Es zogen Tage in dumpfer Krankenstubenschweigsamkeit vorüber. Das Kommen und Gehen der Ärzte, Flüstergespräche, kurze Schlummerstündchen, angstvolles Wachen. Und diese seltsam rasche Gewöhnung an solchen Zustand: als habe es eigentlich niemals einen anderen gegeben, als werde er nie ein Ende nehmen.
Dabei im tiefsten Herzen immer ein leises Mahnen an die schweigsame und unauffällige Fürsorge des liebenden Mannes. Das stete Wissen: er ist da, ich könnte ihn rufen ... Das war wie Wohltat, die man nicht recht an sich herankommen lassen mag und an deren Möglichkeit nur zu denken doch stützt.
So gingen Tage, so gingen Nächte. Und in wunderbarer Zähigkeit hielt das kleine Kind sein bißchen Leben fest.
Dann, eines Abends, als die Dämmerung mit ihrer Schwermut die Welt leise zu füllen begann, brachte Martha einen Brief. Sie brachte ihn strahlend, denn sie kannte ja die Handschrift, die Freimarken auf dem Umschlag.
Und sie dachte in ihrer Unbefangenheit: der kommt gelegen — der kommt als Trost.