Ein Brief! Von Malte? Jetzt? Unmöglich! „Über Sibirien“ stand auf dem Umschlag. Wie denn? Er hatte damals aus Hakodate geschrieben: Komm! Danach mußte er doch schweigend warten, bis ihre Antwort zu ihm kam ... Und die — die war ja unterwegs — sie hatte wohl noch ein, zwei Wochen zu wandern, bis sie ihn erreichte — diese Antwort, die ihm sagte: vielleicht liebe ich dich nicht mehr. — Und wenn er dann wieder schrieb, so vergingen wieder lange Wochen, bis sie seine Worte lesen konnte. — — Wie von selbst, durch die seltsam sich hindehnende Zeit des Schweigens, schien er schon aus ihrem Leben sich entfernt zu haben — ganz ausgeschaltet von der Teilnahme an ihren Tagen ...
Dieser Brief war ihr etwas Unheimliches — ganz und gar Unerwartetes. Und darum schon bedrohlich — vorwurfsvoll — ein zorniger, schmerzlicher Anruf — noch ehe sie ihn gelesen ...
„Aber er weiß noch nicht,“ dachte sie, sich ermutigend.
„Über Sibirien?“ — Mein Gott, warum schreibt er denn? Er konnte doch nicht wissen, ob ich nicht zur Stunde schon unterwegs zu ihm bin, ob mich dieser Brief überhaupt noch in Europa träfe ...
Auf einmal, in jähem Verständnis, wußte sie: Dies ist die Antwort auf meine Depesche. Oder vielmehr: nicht die Antwort — all die Fragen sind es, die meine Depesche in ihm aufrührten.
Mit ihren unsicheren Fingern zerriß sie den Umschlag, ihn auseinanderzerrend.
Sie trat an das Fenster, die Vorhänge teilend, die noch geschlossen waren, weil sie vorhin die Sonne hatten absperren sollen, damit die Strahlen nicht die zarten kleinen Lider träfen.
Das letzte bißchen Helligkeit reichte aus zum Lesen.
Und sie las: „Mein geliebtes Weib! Da liegt nun eine Depesche vor mir. Du telegraphierst: ‚Ich kann mein kleines Kind nicht verlassen.‘
Zuerst habe ich gar nichts gefühlt als eine schreckliche Enttäuschung. Sehnsucht hab’ ich nach Dir gehabt — eine Sehnsucht! Möchte wohl den Mann sehen, dem sie ähnlich zusetzt wie mir! Wenn man eine so schöne, geliebte, kluge Frau hat, die auch ihrerseits treu an einem hängt! Und wenn man nach dreijährigem Hangen und Bangen endlich vereint wurde und sich dann gerade nur ein paar Monate gehören durfte!