Alle Tage zehnmal schluckt man das ’runter und gibt sich Rückgrat mit dem Gedanken: der schöne, stolze, große Beruf will das nun mal so — Männer, die im Krieg stehen, sollen kein weiches Heimweh kennen — und wir, an Bord, leben ja immer wie in Kriegswachsamkeit und Bereitschaft. Aber alle Tage zehnmal kommt’s doch wieder hoch. Und dann die Nächte ... Und in dem Klima ... Na ja, also lieber still davon.
Schwer enttäuscht war ich. Hätt’ am liebsten sofort zurücktelegraphiert: ‚Unsinn — Dein Mann geht vor ...‘ Geschrieben war schon so was ... Der Postmaat hatte es schon in der Hand. Aber ich nahm ihm das wieder weg.
Denn weißt Du, geliebtes Weib — wunderbare Gedanken sind mir gekommen. Ob ich Dir sie wohl so recht auseinandersetzen kann? Versuchen wir’s.
Sieh mal — die allerallererste Hoffnung auf das Kind haben wir ja zusammen bejubelt. Aber — Gott, es klingt wohl komisch — das war doch beinahe wie eine Stimmung, so ’n bißchen phantastische Vorfreude. Jedenfalls verwischte sich das in mir, als ich fortging. Wurde wie so ’n Traum. Mir nichts Wirkliches. Mußte mich in den folgenden Monaten oft zwingen, daran zu denken. Dann kam eines Tags die Depesche, daß ich ein Töchterchen bekommen habe. Ich weiß noch, wir hatten ein Diner bei dem Konsul Glaubermann in Schanghai. Da traf die Depesche ein. Ich wurde etwas erregt, hatte so einen heißen Fleck in der Brust, vielleicht sogar nasse Augen (ich glaube wohl), und alle wurden mit aufgeregt, und zu Deinen, meinen und des Kindes Ehren wurde kolossal viel Sekt getrunken.
Von da an war in Deinen Briefen immer viel von dem Kind die Rede, und ich habe ja wohl auch stets in meinen Briefen der Kleinen gedacht — hoffe es wenigstens.
Aber — es war doch wie so ein akademischer Begriff: ich bin Vater, habe ein Kind! Ich mußte es förmlich so vor mich hinstellen, damit ich es nicht vergäße. Ja, so was Unwirkliches war es am letzten Ende.
Und da kommt Deine Depesche! So felsenfest habe ich ein jubelndes ‚Ja‘ erwartet, denn Emmich hat es mir wohl gesteckt, daß Du mehr von der Trennung leidest, wie ich eigentlich von Deiner Einsicht und Deinem Verstand erwartet hatte. Ganz felsenfest; denn ich bildete mir ein: Du flögst am liebsten durch die Luft her.
Und da sehe ich aus der Depesche: es gibt nun etwas in Deinem Leben, das Dich hindert, Deiner Sehnsucht nach mir zu gehorchen. Das kann nur ganz was Heiliges, Großes sein.
Es ging mir auf. Wie eine Offenbarung war das. Ich wußte, was es sei: die Mutterliebe!
Da ergriff mich ein Gefühl, das mich so weich machte, so windelweich ... Herrgott, so gerührt bin ich ja wohl weder bei unserer Trauung gewesen noch bei unserem Abschied.