Und in dieser Lichtlosigkeit, ehe die Nacht hereinfiel, wurde es lebendig um die Riesenleiber der Kriegsschiffe herum. Barkassen lösten sich von ihnen und puckerten in eiliger Fahrt zum Hafen. Boote schossen heran, von den sich im präzisen Gleichmaß hebenden und senkenden Rudern getrieben. Die Wasser tropften von den Hölzern, und die Riemen knirschten. In militärischer Ordnung saßen die Maaten auf den Bänken und beugten sich vor und legten sich zurück. Dann warteten sie an den Brücken auf die Post, die der Postmaat holte, während die Menge die Blaujacken umstand und betrachtete und auch wohl mit Biergeld und Zigarren beschenkte.
Die Gig der „Thuringia“ nahm außer der Post auch noch den Kapitän von Krietzow auf, der hier eingetroffen und seit diesem Mittag schon bereit gewesen war, sich wieder an Bord zurückzumelden, um seinen Stellvertreter Hochhagen abzulösen.
Der Abend wandte sich mit Hochsommerraschheit zur Nacht. Auf den Schiffen blitzten Heere von Lichtern auf. Wo vorher die kleinen Gruppen bunter Flaggen gesprochen hatten, zeigten sich nun ebenso geheimnisvolle Gruppierungen verschiedenfarbiger Lichter.
Und ab und zu strich, vom Scheinwerfer des Wachtschiffes herausströmend, ein grellweißer Lichtkegel über das Meer und das Land. Er huschte über jede Erscheinung weg, ließ sie auftauchen und wieder in Dunkelheit versinken. Die Menge am Ufer fühlte sich oft in hellen Tag versetzt, lachte und kreischte — und schon glitt der weiße Schein weiter und ließ, gleich einem Phantom, ein Schiff erscheinen und war blitzgleich wieder anderswo.
Und in diesem flinken Wechsel von krasser Helle und nach ihr gesteigert scheinendem Dunkel sah Emmich Hochhagen einmal, schon ganz nahe der „Thuringia“, die Gig auftauchen und verschwinden. Er erkannte in dem huschenden Moment, daß sein Kamerad Krietzow darin saß. Krietzow hatte sich schriftlich schon angemeldet und war also erwartet worden. Es hätte sich demnach ungefähr ein Weltuntergang ereignen müssen, um Krietzow am pünktlichen Erscheinen zu hindern ... ein deutscher Offizier, der sich dienstlich zur Stelle zu melden hat! ... Dennoch aber fühlte Hochhagen sich so erleichtert, daß er aufseufzte.
Er wartete fast seit Beginn seines vorübergehenden Kommandos schon dringlich auf die Ablösung — was er sich freilich nicht einmal selbst gestand. Und was kein Mensch an Bord ihm angemerkt hätte.
Renatens Briefe ängstigten ihn mehr und mehr. Er spürte, daß die unselige, in ihrer Verlassenheit um alle Haltung gekommene Frau einen immer größeren Einfluß auf sein holdes Mädchen bekam. Das mißfiel ihm höchst. Deshalb ersehnte er den Tag der Ablösung. Er hatte sich einen unmittelbar an sie anschließenden Urlaub von zwei Wochen erwirken können. Und nun, wo die Flotte für einen Ruhetag vor Saßnitz ankerte, um dann in die wirklichen Manöver einzutreten, nun dachte er Krietzow die Geschäfte zu übergeben und sofort, im Morgengrauen, nach der Schweiz abzureisen.
In seiner heimlichen Unruhe hatte er sich eingebildet, Krietzow könne in allerletzter Stunde abermals erkranken. Auch gibt es ja Unfälle auf Eisenbahnen und Gott weiß was sonst noch.
Also da war Krietzow! Endlich, endlich!
In der großen Unruhe an Bord, in der Eile der an Land Beurlaubten, bei all dem Kommen und Gehen fand Krietzows Ankunft doch viel Beachtung. Man sagte ihm, daß er glänzend aussehe, warf ihm noch neidvoll vor, daß er wie ein Gott in Frankreich gelebt, während man sich selbst wieder mal geschunden habe. Dann, nachdem er sich beim Kommandanten gemeldet hatte, zog er sich mit Hochhagen in die Koje des Ersten Offiziers zurück, um die dienstliche Angelegenheit zu besprechen.