Der Mann stand stramm. Die weiße Tür gab seiner schlanken, blauen Gestalt blanken Hintergrund. Sein bartloses Gesicht konnte trotz allen dienstlichen Ernstes ein freudiges Licht in den hellen Augen nicht verstecken.
„Eine Depesche, Herr Kapitän. Ich soll eine schöne Empfehlung von Herrn Kapitän von Krietzow machen. Sie wär’ in der Nacht gekommen. Er hätt’ sie aus Versehen aufgemacht. Weil die Ordonnanz bloß meldete: an den Ersten Offizier. Und nachgesehen hätt’ er nicht — aus ’m Schlaf ’raus, sagt Herr Kapitän.“
„Bestellen Sie: das machte nichts. Und viele Grüße an Herrn Kapitän ...“
Der Maat machte auf den Hacken kehrt.
Und Emmich Hochhagen nahm die Depesche aus dem Briefumschlag, in den Krietzow sie getan hatte.
„Das Kind der Frau von Falckenrott seit einigen Tagen in größter Lebensgefahr. Gamberg zwar hier, nehme aber an, daß im Ernstfall Du der armen Frau näherer Beistand bist. Erwarten Dich voll Ungeduld. Viele Grüße. Papa Gervasius.“
Er besann sich keinen Augenblick. Er verließ sein Bett. Zog sich mit einer Raschheit an, als seien Alarmsignale gegeben worden. Klingelte und befahl die Rechnung, einen Wagen — nur rasch — nur rasch. — — Er sah: die Zeit war knapp — denn er hatte ja gedacht, er habe keine Eile ... Er hatte ja gedacht: zu einem Abschiedswort — zu einer letzten, ehern ernsten Frage, die vielleicht das Ende des Glücks bedeutet — dazu hastet man nicht ...
Er erreichte den Zug noch. Dann, als er in seiner Ecke saß und draußen die Landschaftsbilder vorbeiglitten, wurde er allmählich frei von dem Gefühl, ein Gehetzter zu sein. Sich auf dem Wege zu befinden, ist schon immer etwas.
Jetzt war keine Schonung möglich — jetzt mußte er seine Auseinandersetzung mit Renate und vielleicht auch ihren Eltern Aug’ in Auge haben.
Aber welchen Stunden voll schmerzlicher Erregung, voll gefährlicher Versuchungen er auch entgegenging — die Pflicht rief ihn.