Sie fuhr zusammen, bis zur Fassungslosigkeit erschreckt, obschon es die Stimme des Mannes war, nach dem ihre Augen immerfort gesucht hatten.
So sehr erschrak sie, daß sie ihren Kopf in den Händen verbarg wie eine, die sich fürchtet.
„Ich habe den ganzen Abend beinahe auf der Terrasse gesessen,“ sagte er im Ton eines, der, humoristisch gestimmt, einen harmlosen Bericht erstattet, „ich dachte nämlich so: wenn ich mich an einem Platz behaupte, muß meine liebe und verehrte Base Jutta schließlich einmal vorbeikommen. Nun endlich sah ich Sie.“
Sie horchte in verzehrender Spannung auf diese scherzhaften Worte. Und nun schien ihr, als sei nach dieser Pause von ein paar Herzschlägen seine Stimme vorsichtiger, leiser. Er fuhr fort: „Ich habe einige Minuten gewartet, ehe ich Ihnen folgte.“
Sie fühlte, daß er neben sie trat. Sie spürte, daß er wartend auf sie sah.
Sie nahm sich zusammen, sie richtete sich wieder auf. Daß sie so viel Mut brauchte, um in diesen Augenblicken das Alleinsein mit ihm zu überstehen, machte sie ganz schwach. Sie griff nach dem Geländer. Sie hielt sich daran fest — und lauschte zugleich auf den merkwürdig hastigen Lauf ihres Herzschlages — so klein und so eilig klopften die Töne — überall — in der Brust, im Hals ... in den Schläfen ...
Mit beiden, ausgreifenden Händen hielt sie sich an der obersten Querstange des Geländers und fühlte das harte Holz als schmerzhaften Druck im Kreuz, so fest lehnte sie sich dagegen.
„Ich ... ich hielt die vielen Menschen nicht mehr aus ...“ sprach sie.
Sie sah ihn nun an. Im dürftigen Halblicht erriet sie doch jeden Zug seines Gesichts. Sie kannte es so genau ... fast schien ihr: wie keines sonst auf der Welt ...
Jenes andere Männergesicht, das man auf den Bildern in ihrem Haus sah, das verlor so viel von seiner Wirklichkeit ... jeden Tag mehr ... war eben nur noch ein Bild ... eines, das zu der Geschichte eines Traumes gehört ...