Er wartete vor ihr höflich, aufmerksam, als wären hier tausend neugierige Augen, die sein Benehmen belauerten.
Ihr ganzes Wesen war in Aufruhr; weit geöffnet war ihre Seele für ein großes Erlebnis — eine starke Gefahr. Und nichts geschah, daran ihre Kraft sich erproben, daran ihr Stolz sich emporrecken konnte. Sein Ton und seine Art waren wie eingeschnürt in Beherrschung. Nichts geschah ...
Das Elend einer ungeheuren Enttäuschung warf sich auf sie, zerdrückte sie. Das ganze Dasein schien nichts mehr zu sein als graue Leere, stumpfe Inhaltlosigkeit — nicht einmal mehr Kampf war darin ...
Und alles in ihr war bereit dazu gewesen ...
Wie für ein Volk, das in dumpfer Enge hinlebt und von seiner Enge bewußt leidet, der Schrei „Krieg“ Erlösungsklang haben kann, so daß das furchtbarste aller Worte jauchzend durch die Massen getragen wird — so lechzte ihre Seele nach einem weckenden Ruf, der sie nach Waffen greifen ließ. Aber nichts geschah.
Sie raffte sich auf — stand ein paar Augenblicke — und und so fand sie sich äußerlich zu ihrer gewohnten Haltung zurück. Er gab ihr den Arm.
Schweigend schritten sie zusammen durch den Garten, zurück zu dem mächtigen Bau, aus dessen großen Fenstern die gelben Lichtfluten in die Nacht hineinströmten.
Jutta fühlte und dachte nicht mehr klar genug. Sonst wäre ihr dies Schweigen von beklemmender Beredsamkeit gewesen. Sie fühlte nur: das Leben geht an mir vorbei.
Und die Bitterkeit, in der alle Leidenschaftlichen sich gegen dies Gefühl wehren, gärte auch in ihr.
Sie mußten über die Terrasse und durch den Gartensaal, in dem eben der Walzer beendet war. Und hier, zwischen den hin und her wandelnden Paaren, trafen sie auf Lisbeth Rosenfeld. Sie stand vor ihrem Mann, hielt mit den spitzen Fingern der Linken ihn an einem Knopf seines Dinerjacketts fest und fächelte mit der Rechten ihrem heißen Gesicht Kühlung zu. Der kleine chinesische Fächer, den sie dabei brauchte, klapperte in seinem Sandelholzgestell, und sein bunt bemaltes Pergament rauschte.