„Du weißt ja ...“ sagte er mutlos, „du weißt ja — was soll ich bei Renate? Aus ihrem Mund noch einmal hören, was sie mir so oft geschrieben hat? Sie glaubt nicht mehr an die Zukunft — was ist da noch zu wollen.“

„Und dann,“ fuhr er energischer fort, „dann hab’ ich heute auch kein Recht an mich selbst — ich wage mich nicht fort — keinen Schritt — dies sterbende Kind — und diese Frau, die mir zu allem fähig scheint ... Ich komm’ mir verantwortlich vor, vor einem, der am anderen Ende der Welt sitzt — — Nein, laß mich ...“

Der ältere Mann ging still ins Haus. Er dachte: „Ich muß meiner Tochter sagen: sieh zu, daß du ihn dir noch einmal eroberst ...“ Und weiter dachte er: „Vielleicht macht diese Notwendigkeit sie fest und klar ... Und wenn nicht — nun, dann müssen sie lieber auseinandergehen.“

Der Gedanke an all den Schmerz und all den Lärm, die die Aufhebung eines Verlöbnisses begleiten, tat ihm doch sehr weh. Aber er fühlte: Emmich hat recht. Als Mann begriff er den Mann. Unsicherheiten in der Ehe wirken immer zerstörend auf den Beruf hinüber. Wenn Renate sich nicht die feste Haltung zutraute, die das Leben von ihr fordern konnte, dann war es besser, sie schieden. Der Vater in ihm stritt indes gegen den verstehenden Mann. Es handelte sich doch eben um seine einzige Tochter, seinen Sonnenstrahl, seinen Liebling. Er wollte nicht daran glauben, daß sie irgendwie und -wo versagte.

Während er treppan stieg, grübelte er noch darüber nach, wie merkwürdig alle Eltern ihre Kinder überschätzten; wie man die Unfertigkeit seines Kindes nur nach hartem Kampf zugesteht, während man eigene Unzulänglichkeiten oft mit Humor und Freimut zugibt.

Er beschloß: ich will mit Renate reden.

Und dabei hatte er ein Gefühl, als wolle er ein Komplott mit ihr schmieden, unter dem Gedanken: wie fangen wir diesen prachtvollen Mann wieder ganz fest ein.

Darüber mußte er nun leise in sich hineinlächeln. Ja, was das Leben so aus einem macht! Einen großen Namen hat man. Allerlei geleistet hat man. Und ist doch seiner Nachkommenschaft gegenüber auf keinem höheren Niveau, als daß man sich in einer zerfahrenen Liebesgeschichte einfach zum Spießgesellen eines jungen Mädels macht ... Weil man es nicht erträgt, sie weinen zu sehen ... Das ist es ... Und er mokierte sich über sich selbst.

Draußen unter der Tanne saß Emmich. Er empfand die feierliche und glitzernde Ruhe, in der die weite Landschaft vor ihm lag, mehr als schmerzlichen Widerspruch denn als Wohltat. Der hohe, breite Tannenwipfel über seinem Haupt stand unbewegt, ganz wie von Sonnenlicht durchstäubt, das die Nadeln fast blau erscheinen ließ.

Er dachte: „Nun ist sein Glück zu Ende ...“