Dann blieb ihm nichts, als sich schweigend zurückzuziehen. Dann hatte er nicht mehr das Recht, ihr beizustehen. Er durfte ihr nicht einmal helfen, ihr Kind zu begraben ...
Aber noch lebte es ... Er fand sich plötzlich roh, daß er es in seinen Gedanken gleichsam begrub. „So eilig macht das spannungsvolle Warten auf den Tod die Phantasie,“ dachte er.
Von Unruhe befallen, ging er wieder einmal hinauf. Jutta hatte sich, so schien ihm, daran gewöhnt, ihn in kurzen Zwischenräumen eintreten zu sehen. Immer fand er sie neben dem Kind sitzen, mit seltsam ausdruckslosen, erschöpften Zügen, unbeweglich. Sie gab auch keine Auskunft, sie überließ es ihm selbst, sich durch Beobachtung davon zu überzeugen: keinerlei Veränderung sei eingetreten.
Manchmal war die sommersprossige Martha im Zimmer, mit irgendeiner Hantierung beschäftigt wie jemand, der seine vollkommene Überflüssigkeit durch Beflissenheit verstecken will. Und ihre scheuen, kummertrüben und ergebenen Blicke hingen an ihrer Herrin, die nichts von ihrer Gegenwart zu bemerken schien.
Als Emmich jetzt zum vierten- oder fünftenmal seit Mittag hereinkam, fand er, daß sich das Bild der starren Wacht aufgelöst hatte.
Die Fenster standen weit geöffnet. Auf das eine traf noch die Abendsonne, die jeden Tag um diese Zeit die Hausfront schräg in ein belichtetes und ein verschattetes Dreieck abteilte.
Die Zimmerwand zur Rechten war vom warmen Glanz des Sonnengoldes fast völlig bestrichen. Es übersprühte auch den dunkel lackierten Kinderwagen und setzte blanke Punkte und Flächen auf seine Räder und seine Wände. Die Kissen in ihm lagen leer.
Hin und her ging die junge Frau und trug in ihren Armen, auf weißen, in unregelmäßigen Enden und Zipfeln herabhängenden Tüchern, das Kind.
Und sie sang. Ganz leise nur. Ein Schlummerlied von einfachen, rührenden Worten.
Emmich trat heran.