Einen Moment stand sie still, blieb mit dem Oberkörper in wiegender Bewegung, ihr Gesang wurde zum bloßen Summen, und sie gönnte ihm einen Blick auf das Kind.

In ihren Augen war mehr Leben. Unsicherheit. Und doch auch Licht.

Er wußte nicht, wie das zu verstehen war. Vielleicht so: die Unruhe, in die das Kind aus fast schon totenähnlicher Schwäche verfallen war, mochte ihr als erstes Anzeichen wieder beginnender Kräfte erscheinen ... aber sie wußte nicht, ob sie wagen dürfe, daran zu glauben ... ob es nicht etwas anderes bedeute ...

Und weil es mühsam atmete — und von unbewußter Angst bedrängt schien, nahm sie es, trug es umher und sang ...

Als Emmich in das kleine Gesicht sah, wußte er: die Stunde war da ...

Bärtige Männer mit braunen Gesichtern, deren Haut grob und rauh war von der See, hatte er im Todeskampf gesehen. Und dies war ein ganz kleines Kind, dessen Verstand noch nicht mit bewußter Tätigkeit die Erscheinungen der Welt erfaßt hatte.

Und dennoch — dennoch — da war eine Ähnlichkeit. Da war jener Zug strenger Bitterkeit, den nur die haben, die vor der letzten Not stehen ...

Die wandernde Frau ließ ihm nur den einen, raschen Blick, als solle auch er sehen: es geht besser — besser ...

Er setzte sich an das Fenster, das leerer schien als das andere, weil keine Strahlenbündel hereinkamen.

„Was ist dies für eine Stunde!“ dachte er. „Hier stirbt ein Kind, und ihm, dem es stirbt, dem hat es eigentlich nie gelebt. Und hier ist eine Frau, die vielleicht nach dem letzten Atemzug des Kindes von dem Mann fortgeht, dem sie es geboren hat ... Ist es nicht, als wäre dies ganze Stück Leben nur ein Traum für ihn gewesen? Wie ging er? Aus einem lachenden jungen Haus, darin Glück war und Hoffnung. Wie kommt er heim? In eine Leerheit — alles aufgelöst — zerstoben — ja nur ein Traum war alles ... Seemannslos — hartes Seemannslos ...“