Nur drei Tage später war es. Auf dem Pier des Norddeutschen Lloyd in Genua stand Emmich mit seiner Braut. Auch Renatens Eltern waren dabei. Sie hatten die Scheidende geleitet, um ihr mit Liebe und Fürsorge wohlzutun bis zu jenem Augenblick, wo sie allein ihren Weg weiterwandern mußte in der schweren Einsamkeit ihres Grams.

Und der Augenblick war da. Die Brücke, die Bord und Pier verbunden hatte, war schon zurückgezogen — nach aufklatschendem Fall lag sie nun auf den Steinen.

Der Pier, der sich als steinerner Arm in den Hafen hinein erstreckte, glich beinahe einer hohlen Gasse, zwischen den ragenden Borden der Schiffe, die hüben und drüben an seinem Doppelkai ankerten.

Da lag der aus Australien heimkehrende „Barbarossa“ und dehnte seinen mächtigen Leib an den Quadern entlang, als wolle er sich ein wenig verschnaufen, ehe er weiter ging. Oben auf seinem Promenadendeck war es leer, nur ein paar Stewards in ihren blauen Jacken und ein Koch mit weißer Mütze standen dort und sahen nach dem befreundeten Schiff hinüber, das nun Anker aufgehen wollte. Mittschiffs war emsiges Leben auf dem „Barbarossa“, da holten lautlos mit ihren beweglichen Tintenfischarmen die Dampfwinden Stückgut aus der Tiefe des Raumes und führten es an Stricken mit leisem Pendeln durch die Luft, um es in die Leichter hinabzulassen, die sich an die Planken drängten.

Am Heck flatterte im frischen Wind die schwarzweißrote Flagge. Und ganz oben, am Hauptmast, strich die Luft das weiße Stück Tuch glatt aus, darauf ein blauer Schlüssel und ein blauer Anker sich kreuzten.

Mit diesem selben Zeichen spielte der fröhliche Wind auch auf dem „Prinzen Heinrich“.

Ein blauer Himmel, den weiße, rasch ziehende Wolken belebten, stand über dem Hafen und seinen aneinander gedrängten Schiffen. Bord klemmte sich fast an Bord, dem flüchtigen Blick schien es unmöglich, Masten und Schornsteine noch in ihrem sicheren Zusammenhang mit den neben- und hintereinander liegenden Rümpfen festzustellen. Es war eine Wirrnis von Linien und Farben. Die Menschenansammlung in der hohlen Gasse des Piers zwischen dem „Barbarossa“ und dem „Prinzen Heinrich“ wartete voll Spannung auf den Augenblick, wo sich dieser in Bewegung setzen, und wie es ihm möglich werden solle, aus dem Gedränge sich herauszuarbeiten.

Renate und Emmich, Arm in Arm, sahen mit erhobenen Gesichtern hinauf zu der schwarzen Frauengestalt, die sich an die Reling des Hauptdecks lehnte. Über ihr auf dem Promenadendeck war ein unruhevolles Treiben. Da standen die Musikstewards bereit, den Augenblick der Abfahrt mit schmetternder Blechfanfare und patriotischen Weisen anzublasen. Da liefen Passagiere umher, die noch nicht sich zu orientieren vermocht hatten. Andere standen und winkten letzte Grüße hinab zu den Menschen auf dem Pier.

Jutta stand allein, denn das Hauptdeck war in diesen Minuten wenig belebt.

Emmich hatte sie dem Kapitän zu seiner besonderen Obhut anvertraut. Er fand in ihm einen Kameraden der Reserve, mit dem er, als sie beide Kapitänleutnants waren, im scharfen Dienst und bei fröhlichen Ausflügen sich famos verstanden hatte. Der joviale und ritterliche Mann würde schon alles tun, Jutta mit Herzlichkeit und Takt die Fahrt angenehm zu machen.