Unbewußt seufzte sie. Nach vollendetem Tagewerk ...

Zehn Uhr war es. Und sie wußte heute wie fast an jedem Tag den Inhalt aller Stunden voraus ... Ein wenig Handarbeit ... Kinderkleidchen sticken und nähen, für die noch ferne Zeit, wenn Baby erst anfinge zu stehen, zu gehen ... ein paar Briefe schreiben ... mit der Köchin das Mittagessen besprechen ... dieses schreckliche Mittagessen, das für eine Person zu kochen und aufzutragen fast lächerlich schien. Und dann ein Nachmittag und Abend ohne Ende ... ohne Zweck ... ohne Freude.

Zwischendurch wachte Baby wohl einmal und lag mit großen Augen, und lallende, drollige Laute erzählte es ... denen die Mutter mit heißer, verzehrender Begier lauschte ... als hätten sie schon Inhalt, als seien sie Stimmen der Liebe ... Aber es waren eben doch nur die unbewußten Töne eines kleinen, noch nicht zum Menschentum erwachten Lebewesens ...

Langsam ging Jutta nach vorn, in ihr Wohnzimmer. Es war nicht sehr groß. Alle Räume des Stockwerks in der Villa am Niemannsweg, das sie innehatte, zeigten angenehme Verhältnisse; sie waren für Menschen bestimmt, die in Behaglichkeit, aber nicht in Luxus zu leben dachten. Nach vorn gab es nur zwei Zimmer, das des fernen Hausherrn und das ihre. Hier öffnete sich eine Tür auf den Balkon, von dem aus man in den dichtverwucherten Vorgarten hinabsah.

An das Herrenzimmer, nach hinten, schloß sich das Eßzimmer, ein länglicher und der größte Raum der Wohnung. Überall an den Wänden und auf den Möbeln sah man Waffen, Stoffe, Vasen, Bronzen von fremdartigen Techniken und phantastischem Farbenreiz. Juttas Gatte hatte als junger Offizier noch die Zeit der reichlicheren Auslandkommandierungen miterlebt und als Kadett zur See, als Oberleutnant und Kapitänleutnant Westindien, Ostasien und die Südsee gesehen. Er hatte allerwärts gekauft, soweit Geschmack und Mittel es erlaubten, und das Gesammelte liebevoll zusammengehalten und gepflegt. Da nun Geschmack wie Mittel im Lauf der Jahre gereifter und reichlicher geworden, war manches schöne Stück, manche wertvolle Stickerei zusammengekommen.

Jutta hatte als junge Frau mit Stolz und jubelndem Staunen von all diesen bunten Sachen Besitz ergriffen und mit erstaunlichem Geschmack verstanden, alles so zu ordnen, daß die moderne Einrichtung sich harmonisch als Basis dieses fremdländischen Krams erwies.

Jetzt, wenn sie durch die Räume ging, kam es ihr zuweilen vor, als lebe sie zwischen Theaterdekorationen, als sei dies nur eine Szenenausstattung ... das Stück, das darin gespielt worden war, war aus ... Warum stand nun noch immer die Kulisse da? ... die Bühne war leer ... die Handlung hatte sich weiter entwickelt ... Und immer noch die gleiche Dekoration ...

Sie hatte Stimmungen, in denen sie all diese bunten Dinge haßte.

Am liebsten war sie auf dem Balkon. Ein Glasdach und zwei schmale Seitenwände von Glas schützten ihn gegen Wind und Regen. Er war geräumig und krönte den ziemlich weit vorspringenden Erkerausbau des Erdgeschosses. Sein Geländer ringsum glich einem von Blumen reichlich gemusterten grünen Pelz. So dicht hatte Jutta es mit gut gepflegten blühenden Pflanzen verstellt.

Die Glaswände waren mit einem Leinenstoff von altrosa Farbe glatt verhangen. Ein paar weiße Korbsessel standen um einen Tisch. Über ihm hing, an dünner Schnur oben aus dem gußeisernen Mittelstern des Glasdaches kommend, eine elektrische Birne. Aber sie war ganz versteckt in einem faltenreichen Schirm von altrosa Seidenstoff. Rechts und links von der Tür zum Zimmer standen schmale Blumentische, von denen Ranken hingen und Ranken an Gitterwerk aufstiegen.