Dies alles war sehr behütet und bildete recht eigentlich Juttas Spielzeug. Sie liebte Blumen bis zur Leidenschaft.

Jetzt, am Vormittag, mußte die Sonne durch eine halb herabgelassene Persienne abgehalten werden. Dann schien dieser Raum vollends wie ein Versteck. Man konnte ganz vergessen, daß man hier nahe einer Straße war.

Von unten aus dem Haus und Garten kam niemals Lärm herauf. Da wohnte der Eigentümer, Professor Doktor Krämer mit Frau und Schwester, und die hatten keine Zeit und kein Interesse für Welt und Menschen. Den Garten ließen sie nur auf das notdürftigste zurechtmachen, denn jedes Herbarium war ihnen wichtiger als er, Gelehrsamkeit größer als die Natur.

Jutta durfte abschneiden, was da an Rosen und was da sonst an Büschen und auf Beeten wuchs und wurde.

Wegen der Geburt der Kleinen hatte Jutta den drei Krämers gegenüber so etwas wie ein schlechtes Gewissen gehabt; aber da Baby als sehr gesundes und ausnehmend sorgsam gehaltenes Kind nur gerade so viel schrie, als die Lungengymnastik es wohl nötig machte, hatten Krämers sich noch nie beschwert.

Ja, einmal sogar, als Jutta selbst den leichten, dunkeln, englischen Kinderwagen durch den Vorgarten schob, war der Professor herangetreten und hatte zerstreut ein wohlwollend gemeintes Wort gesagt. Und Fräulein Krämer und Frau Professor Krämer hatten ihre alten Gesichter von rechts nach links über die Wagenkissen geneigt. Fräulein Krämer wischte neckisch mit der zu langen und vom Zeigefinger nicht mehr ausgefüllten Spitze ihres grauen Zwirnhandschuhs ein bißchen auf Babys runder Wange hin und her. Frau Krämer sagte erstaunt: „Ich dachte, kleine Kinder wären hübscher.“

Aber Jutta nahm es nicht übel, sondern schätzte diese ganze Szene richtig als eine ungewöhnliche Herablassung bedeutender Menschen zu unbedeutenden Nebensachen ein ...

Auch an diesem Morgen war unten alles so still, als wohne dort kein Mensch. Der Professor, der irgendwann einmal bei einer Berufung übergangen war, hatte sich aus dem Staatsdienst zurückgezogen und lebte der Fertigstellung eines Werkes. Frau und Schwester halfen ihm — Jutta sah es förmlich im Geist, wie sie alle drei bei engverschlossenen Fenstern saßen und schrieben, kopierten, registrierten ...

Aber sie waren glücklich dabei, diese drei ... sie arbeiteten zusammen ... Sie trugen nicht einsam an den Pflichten des Daseins ... Und wenn man auch nicht verstand, wie ihnen das reizvoll und wichtig und ein Lebendiges sein konnte, womit sie ihre Tage füllten — das sah man, das verstand man: sie trugen einander, sie halfen einander voll Liebe ...

Und so wandelten auch diese drei vertrockneten, von allem blühenden Menschentum geschiedenen Gestalten als ein Aufreizendes an den Grenzen von Juttas Alltag hin. —