In das Zimmer ihres Mannes ging sie und schloß die Tür hinter sich.
An dem aufgeräumten, nie mehr benutzten Schreibtisch saß sie und starrte den Brief an — den sie zwischen den Fingern hielt und wendete.
Ihr deuchte, sie hielt ihr Schicksal in der Hand.
Als hinge die ganze Zukunft an den weißen Blättern, die dieser kleine Umschlag einschloß.
Erst nach langem, selbstquälerischem Warten las Frau Jutta den Brief ihres fernen Mannes:
„Mein geliebtes Weib! Mein letzter Brief schilderte Dir unsere Reise von Tsingtau nach Tschemulpo und meine ersten Eindrücke von Korea. Ich gab in Tschemulpo jenen Brief zur Post, und Du wirst inzwischen aus der Zeitung ersehen haben, daß wir in Hakodate ankamen. Das ist ja das Angenehme für Euch zu Hause, daß Ihr immer die telegraphische Nachricht unter der Rubrik ‚Marine‘ findet, daß wir da und da ankamen und an Bord alles wohl ist. Dann wißt Ihr doch so ungefähr, wie es um uns bestellt ist.
Also wir liegen zurzeit noch vor Hakodate und werden von hier nach Kobe gehen, um dort ein paar Tage zu bleiben. Da gibt es nämlich ziemlich viel deutsche Kaufleute, meist Hanseaten. Und die Deutschen fühlen sich immer erhoben, in ihren Interessen gefördert, in ihrem Ansehen gestärkt, wenn mal eins von unseren Kriegschiffen sich zeigt. Nachher gondeln wir so um Japan ’rum und werden wohl Ende Juni in Nagasaki ankommen. Also ungefähr, wenn Du diesen Brief bekommst, und wenn Ihr in den mehr oder minderen Wonnen der Kieler Woche schwelgt. Die hast Du diesmal hoffentlich mitgemacht, nachdem Du vorigen Sommer durch Dein damaliges Befinden daran verhindert warst. Ich hab’ es Rosenfelds und Hochhagen auf die Seele gebunden, daß sie Dich nicht einsam und trauernd in Deiner Klosterzelle verkümmern lassen.
Von Nagasaki aus machen wir noch eine Fahrt nach den Philippinen, müssen nochmal nach Schanghai zurück, und dann gehen wir nach Hongkong, wo wir unseren Kahn mal auf Dock bringen müssen.
Und in Hongkong bleiben wir fast zwei Monate.
Meine liebe, süße Frau — ja, da also bleiben wir fast zwei Monate lang!