Kommt Dir nicht auf der Stelle der Gedanke: plenty time, meinen Schatz mal zu besuchen?
Und dazu lade ich Dich hiermit feierlichst ein! Ich rate Dir, schiffe Dich nicht schon in Bremerhaven ein, sondern geh erst in Genua an Bord. Das Alleinreisen braucht Dich in keiner Hinsicht zu schrecken. Du bist an Bord eines Norddeutschen Lloyddampfers. Das sagt alles! Das sagt, daß der Kapitän — wer es auch sei, und wie er auch heiße — Dich wie Vater und Mutter in einer Person betreuen wird. Du bittest Exzellenz Marweg oder auch einfach Rosenfeld, dem betreffenden Kapitän vorher ein Dich an ihn empfehlendes Wort zu schreiben. Und Du sollst mal sehen, mit welcher Fürsorglichkeit, bis zur Stewardeß herab, Dich alles umgibt. So ’n Kapitän von so einem Riesendampfer, mußt Du wissen, ist schon ein Kerl! Der hat für viele Menschenleben und viele Millionen einzustehen, der hat, wohin er kommt, deutsche Art und deutschen Namen imposant zu vertreten. — Er ist eine Art Regent. Und die Welt, die kleine schwimmende Welt, die er regiert, die hat viel zu bedeuten. Wenn Du Dir das so recht klar machst, wirst Du jede Angst vor der weiten Reise verlieren, und das heißt, eigentlich kann ich mir’s gar nicht vorstellen, daß Du überhaupt vor irgend etwas Angst haben solltest. Du hast immer so etwas Kühnes und Sicheres in Deinem Wesen gehabt. Ich weiß noch, ich traute mich damals erst gar nicht recht an Dich ’ran.
Da wir, geliebtes Weib, ja schon beinahe in der Stunde der Verlobung von Geld sprechen mußten und uns darin gottlob immer einig waren, lieber auf etwas zu verzichten, als uns finanziell bedrückt zu fühlen, so denkst Du natürlich gleich an die Kosten. Also: wir können es machen. Von meiner Bordzulage verbrauche ich fast nichts. Gekauft habe ich eigentlich nichts, außer ein paar hübsche Kleiderstoffe für Dich: Rohseide und sehr helle Seidenkrepps. Du selbst, schriebst Du mir, hast im völlig geordneten bescheidenen Budget leben können und Dich seit unserer Heirat nicht von Kiel weggerührt. So dürfen wir die fünf- bis sechstausend Mark — so schätze ich Reise und Aufenthalt hier — wohl daran wenden, uns diese große Freude zu gönnen.
Das Schicksal ist ja eigentlich ein bißchen schikanös mit uns verfahren. Wir lernen uns kennen, lieben, verloben uns. Und erfahren von Deinem Vater, der sich im Jahr vorher, in Dir recht unerwünschter Weise, wieder verheiratet hatte, daß Du, einem testamentarisch geäußerten Wunsch Deiner Mutter gemäß, erst heiraten darfst, wenn Du mündig seiest. Und daß er erst dann verpflichtet sei, Dir Dein mütterliches Erbteil auszuzahlen. Was war da zu machen! Es hieß eben: warten.
Weißt Du, ich habe oft gedacht, Deine Mutter wird wohl nicht so sehr glücklich gewesen sein und hat nachmals ihre urteilslosen achtzehn Jahre, mit denen sie in die Ehe trat, dafür verantwortlich gemacht.
Fast alle Menschen bestimmen ja nach ihren persönlichen Erfahrungen.
Meine Mutter hat uns das Warten — diese gräßlichen drei Jahre — so viel erleichtert, als sie konnte. Und in meinen knappen, ach so knappen Urlaubszeiten haben wir bei ihr köstliche Stunden verbracht. Aber es waren eben doch nur Lichtblicke in dieser langen Zeit voll Sehnsucht. Es war eine Schinderei. Jawohl, das war es.
Und endlich wirst Du einundzwanzig Jahre! Dein Vater — verzeih mir’s — aber ich glaub’, er tat’s mit heimlichem Zähneknirschen — legte Deine zweihunderttausend Mark auf den Tisch des Hauses nieder. Und sozusagen in selbiger Stunde heirateten wir.
Manchmal denk’ ich: sind wir bloß einen Tag Mann und Frau gewesen? Einen verrückten, seligen Tag lang? So schrumpft mir die Zeit zusammen in der Erinnerung.
Wie viele Kameraden sind förmlich gierig auf ein Auslandkommando. Und ich, der ich schon so ziemlich auf allen Meeren ’rumgegondelt bin, ich kann wohl sagen: Ost- und Nordsee hätten mir auf lange hinaus als Schauplätze meiner unsterblichen Seemannstaten genügt.