Sie erinnerte sich: einmal starb einer ihrer beiden Brüder in Argentinien. Seit vielen Jahren war dieser Bruder nicht mehr in Europa gewesen. Man wußte kaum mehr, wie er aussah. Seine Bilder, die er in großen Zwischenräumen von sich schickte, waren eigentlich die eines fremden Mannes. Man mußte sich ihnen gegenüber in ein Gefühl der Zusammengehörigkeit hineinsteigern. Als die Nachricht kam, er sei tot, hatte die Trauer etwas Erkünsteltes gehabt.

Sie schloß aus dieser Erinnerung: so wenig wie man sich ein fernes Sterben vorstellen kann, ebensowenig kann man sich ein neues, fernes Leben vorstellen. Das ist alles nicht mehr wie eine Geschichte. Sie interessiert ein paar kurze Stunden lang. Nachher ist die zudringliche Wirklichkeit, die uns umgibt, wieder da mit all ihren tausend greifbaren und sichtbaren Ereignissen.

Wenn das Kind stürbe, ehe er es gesehen? Was hätte ihm dieser Tod bedeuten können? Nichts. Selbst sein Mitleid mit ihr, der Mutter, würde in solchem Fall nur eine erzwungene Empfindung sein können.

Man konnte wohl sagen: dieses Kind hatte noch keinen Vater. Die heilige Wissenschaft seiner neuen Würde konnte dem Fernen nicht aufgegangen sein ... Er hatte den offenbarenden, den großen, den unbegreiflichen Augenblick des ersten Schreies nicht miterlebt ...

Aber die Zeit war längst vorbei, wo Jutta das in gerechter Ruhe überdenken konnte ...

Sie war jetzt wie benommen von dem erbitterten Gedanken: In einer Nachschrift! ...

Wie leicht hätte er’s ganz vergessen können ...

Und über diesen monotonen Gedanken vergaß sie fast, daß der Brief ihr eine ungeheure Entscheidung abforderte ...

Heute noch — oder doch in den nächsten Tagen mußte sie ihm das Wort hinüberrufen über Länder und Meere ...

Sie erhob sich. Sie ging ein paarmal langsam hin und her.