Aber in dem Gemüt eines Seeoffiziers kann kein Seglerzorn so groß sein, daß er nicht auf der Stelle hinschmölze und sich in das angenehmste Wohlbehagen löste, wenn ein liebliches weibliches Wesen in Sicht kommt.
Reiswitz, aus dem an Temperatur einer überhitzten Ofenröhre ähnlichen, eingeschlossenen Schwanwege kommend, betrat, träge und geschlagen von Ärger, den Klaus-Groth-Platz. Auf diesen kleinen, stillen Platz mündete rechts der Niemannsweg und links die von den Universitätsanlagen herführende Hospitalstraße. Reiswitz nahm Richtung dahin, um in seine Karlstraße zu gelangen, die ihrerseits wieder auf die Hospitalstraße stieß.
Und da raffte er sich plötzlich straff zusammen und trug den Kopf mit der weißen, ein wenig schräg gesetzten Marinemütze wieder hoch.
Denn von der Hospitalstraße her kam Fräulein Renate Gervasius.
„Donnerwetter,“ dachte Reiswitz und gar nichts anderes.
Denn sein Seemannsherz wallte auf vor Entzücken über all die jugendliche Anmut, die da, ihrer erfrischenden Holdseligkeit gänzlich unbewußt, durch den Sonnenbrand leichtfüßig schritt, als sei er lindeste Lenzeslust.
Sie trug ein weißes Kleid und einen großen, weißen Strohhut, auf dem ein Kranz von La-France-Rosen lagerte. Von Rand zu Rand des breiten Hutes, unterm Kinn seiner Trägerin weg, zog sich ein weißes, seidenes Band, das gerade am linken Ohr zu einer sehr kleidsamen Schleife gebunden war. Und unter diesem Hut, von diesem Band umspannt, zeigten sich die weichen Züge in einem Lächeln, vor dem Reiswitz’ Erbitterung einfach in eine Versenkung hinabfuhr.
Er grüßte schon von weither, strahlte und ging schnurstracks auf sie zu.
Da weder Ost noch West wehte, konnte der Wind es nicht auf seine Flügel genommen und weiter getragen haben. Es mußte aber noch andere unbegreifliche Beförderungsmittel für solche wundervollen Neuigkeiten geben. Denn beim Mittagessen im Marinekasino war es schon erzählt worden: der Korvettenkapitän Emmich Hochhagen hat sich mit Fräulein Renate Gervasius, des berühmten Geheimrats Tochter, verlobt.
Reiswitz wußte: natürlich durfte er, konnte er nicht gratulieren. Vielleicht war es doch am Ende bloß Klatsch. Wenn’s aber auch keiner war, schien es immer schicklicher, daß ein Fernstehender wartete mit Glückwünschen, bis es offiziell bekannt gemacht sei.