Mit dem Hochmut der Leidenden dachte sie: „Wie albern ... nun, sie sind jung und sorglos ... Kinder sind sie.“
Dann fiel ihr ein: Renate war höchstens drei, vier Jahre jünger als sie selbst. Darüber verlor Jutta sich in Staunen und erbittertem Sinnen ...
Alt kam sie sich vor. Wie eine, die schon ein zerbrochenes Leben hinter sich hat ...
Und jetzt nahm das Lachen und muntere Sprechen an der Gitterpforte ein Ende, und Renate Gervasius kam herein in den Garten und schritt den Seitenweg entlang, der zur Haustür führte.
Was will sie? Sie kommt zu mir? Schon heute? Und allein? fragte sich Jutta.
Sie sollte es in wenig Minuten wissen.
Mitten im Zimmer stand das befangene Mädchen vor der jungen Frau. Die lustige, etwas überlegene Sicherheit, mit der sie eben noch Reiswitz behandelt hatte, war ganz weggelöscht aus Renates Wesen. Sie hielt das Haupt schräg gesenkt und ihren Rosenstrauß in den gefalteten Händen. Das weiße Band, das sich unter dem Kinn spannte und neben dem linken Ohr geknüpft war, kleidete sie gerade in dieser Kopfhaltung ungewöhnlich lieblich. Das regelmäßige und doch so weiche Gesicht war von einer Verlegenheitsröte angehaucht.
„Mein Gott, wie ist sie reizend,“ dachte Jutta gerührt, während sie sie begrüßte und die Rosen annahm.
„Ich komme ganz heimlich,“ begann Renate fast scheu, „Emmich weiß gar nichts davon.“
„Heimlich? — Du meine Güte — in Gespräch und Gelächter mit Reiswitz den Niemannsweg entlang —“ dachte Jutta und mußte über diese „Heimlichkeit“ schon leise lächeln.