„Dem Beruf des Mannes muß jede Frau Opfer bringen,“ meinte Renate voll wichtiger Ernsthaftigkeit, denn so hatte sie es von klein an ihre Mutter sagen hören. „Denken Sie nur an meine Mama! Wir haben so gut wie nichts von Papa. Die Vorlesungen, die vielen Operationen, die Kranken, die wissenschaftlichen Arbeiten bis in die Nacht hinein ... Mama sagt, wir müssen immer daran denken: es ist für den großen Zweck. Und zufrieden sein in dem Gedanken: er gehört uns doch, er ist da ...“
„Ja, er ist da — er ist da ... das ist es! Ihre Mutter weiß es zu jeder Zeit: Er ist da! Sie hört seine Stimme, sie kann für ihn sorgen — mit all den lächerlichen, kleinen, alltäglichen Dingen — die uns gar nicht lächerlich und klein scheinen, weil wir immerfort damit Liebe zeigen können ... Aber wenn so ein Mann hinausgeht — es ist ja beinahe immer, als hätte man den Liebsten fern im Kriege ... Und wenn man wie ich die höchste, die größte Stunde des Frauenlebens ganz allein hat bestehen müssen ... Mein Kind kam. Und wo war er, dem es gehörte? ... Das war zu hart — für mich, ja. Wie ich nun einmal bin. Und schließlich — in all dem Zittern und dem Entbehren — in was für Unsicherheiten kommt man! Man weiß ja zuletzt nicht mehr ...“
Sie verstummte vor Schreck. Ihre hinstürmende Leidenschaftlichkeit hätte sie beinahe so weit gebracht zu sagen: ... ob man ihn noch liebt!
Sie drückte sehr heftig die Hand des jungen Mädchens. Als sei dieser pressende Druck der Abschluß ihrer Rede.
Renate saß still. Der starke Gram dieser Frau, der fast wie Zorn klang, machte sie unfrei. Es wirkte etwas daraus auf sie hinüber, das über ihr jubelndes Glücksgefühl dahinging wie eine Kältewelle.
Sie war zu unerfahren, um zu unterscheiden, wie Schicksal und Veranlagung und all die zufälligen Fügungen des Lebens hier feindlich gegeneinander kämpfen mochten. Sie fühlte eine unbestimmte Furcht vor eigenen künftigen Leiden ...
Sie wehrte sich dagegen und wußte nicht, daß man einen entscheidenden Augenblick erlebt hat, wenn man sich plötzlich gegen etwas wehren muß ...
Jutta faßte sich. Ihr kam zum Bewußtsein, daß das liebe Kind mit einem Male still und blaß dasaß. Reue wallte heiß in ihr auf. Nein, das hatte sie nicht gewollt, diese junge Seligkeit trüben ...
Sie lächelte erzwungen. Sagte voll künstlicher guter Laune: „Es gibt manche Kameradenfrauen, die das ganz gern mögen — mal so eine Zeit wieder für sich sein — Tochter im Elternhaus oder so ... Und Sie haben ja Ihre lieben Eltern hier, wenn Emmich mal ein Auslandkommando bekäme ... die ja übrigens auch immer seltener werden ... Und heute abend soll ich Ihre Eltern kennen lernen? Ich finde es entzückend, daß sie Rosenfelds und mich gleich als Emmichs ‚Familie‘ aufnehmen ... Aber wollen wir uns nicht beim Vornamen nennen? Lisbeth Rosenfeld und ich — ja, wir duzen uns. Die Stunde dafür wird zwischen Ihnen und mir gewiß auch bald kommen, liebe Renate — Renée nennt man Sie? ... nicht wahr?“
So sprach Jutta mit eiligen Worten, munter — und hing mit ihren dunkeln, brennenden Blicken am Gesicht der anderen — ob da nicht wieder das strahlende Glück aufgehe.