Aus einer angeborenen Kühnheit des Temperaments heraus trieb es sie, der ungeheuren Wahrheit ins Gesicht zu sehen: vielleicht liebe ich meinen Mann nicht mehr — und vielleicht ist dieser hier mein Glück — er, der mich liebt ... denn er liebt mich — ich fühle es ...

Sie zwang das nieder. Sie hatte den verzweifelten Wunsch, sich so zu halten, daß beide Männer sie achten sollten ...

Sie fühlte: es war ja ihr heißes Verlangen gewesen, tapfer und stolz mit der Versuchung fertig zu werden.

Vielleicht war auch alles anders, als sie es empfand. Vielleicht kehrten nur holde, rührende Erinnerungen zurück und bezauberten ihr Herz ...

Ihre Gedanken, plötzlich wie hypnotisiert von diesen Erinnerungen, verloren sich zu vergangenen Tagen ...

Auch er besann sich schwer.

Er ahnte: sie vermochte nicht freudig zu sagen: ich will das Opfer bringen! Sie hatte aber auch nicht den Mut oder nicht die Klarheit in sich, zu bekennen: ich kann es nicht bringen.

Er wußte: sie ist ein schutzloses Weib! Und der Mann, dessen Namen sie trägt, ist fern. Das macht sie heilig ...

Mir noch mehr als anderen ...

Aber sie ist unglücklich ... sie liebt ihn nicht mehr — gewiß nicht ...