Ah — das war gut. Der Mann reckte sich und atmete tief. Er schmeckte die Frische der feuchten Luft im Munde wie belebenden Trunk.
Jutta wagte nicht zu sprechen während der kurzen Minuten, wo das Wetter in der Nähe und in höchster Kraft lärmte und der Regen, als seien seine Tropfen harte Erbsen, auf dem Glasdach prasselte. Sie sah den Freund an. Wohl tat ihr seine Nähe. Aus aller Einsamkeit schien sie befreit durch ihn. Und auch der große, schwere Kampf, den er durch sein stummes Lieben und Werben in ihr Dasein trug — er war doch Leben!
Sein helles Auge begegnete fest ihrem Blick ...
Sie warteten und schwiegen, bis nun ein Blitz ferner zuckte und die Unmittelbarkeit des Donnerdröhnens ausblieb, während der Regen, als habe er plötzlich allen Mut verloren, wie vor Schreck innehielt.
Da wiederholte Jutta es: „Ja — aus Dankbarkeit!“
Sie saß auf der Kante eines niedrigen Stuhles, die Hände um das Knie gefaltet. Und so erzählte sie ihm ... vielleicht hielt sie sich auch nur alles noch einmal selbst vor ...
„Sie haben meine Mutter gekannt — ihre vornehme apathische Duldermiene. Und Sie wissen, daß sie lange körperlich litt und zu viel Gram in sich hatte, um ihren kranken Körper beherrschen zu wollen. So war sie ganz mit sich beschäftigt. Jetzt erst begreif’ ich, was mir fehlte, woran ich darbte, trotzdem ich eine Mutter hatte: sie forderte von mir, aber sie gab mir nichts. Junge Herzen können verschwenderisch geben. Aber sie müssen auch fühlen: mir wird gegeben. Sonst erbittern sie sich. Sie erinnern sich: Mutter starb früh — gleich nach jenen Sommerwochen ... Vater war rauh und ein Arbeiter — Sie wissen — von jenen Männern, die sich zu viel aufbürden, um sich wichtig zu fühlen — das sah ich damals nicht, wie ich es jetzt erkenne ... Man begreift so viel, wenn man selbst Frau und Mutter wird — sieht, was zurückliegt, dann richtig beleuchtet ... Ja, ich war niemals ganz von meinen Eltern in ihre Liebe genommen ... Und gerade das, weil ich es nicht hatte: alle Schönheit des Lebens schien mir darin zu sein: wenn man nur ein Mutterherz hat! Sehen Sie — und Maltes Mutter, die nahm mich an ihr Herz. Sie hatte mich gleich lieb. Und so sehr liebten wir uns, daß ich mich manchmal besinnen muß: ist sie nicht meine Mutter? Sie spürte gleich, woran es mir fehlte ... Und öffnete mir ihr ganzes Wesen ... Ja — und ich bin voll Dankbarkeit ... Sie soll nicht leiden, diese Frau ... um ihretwillen muß ich mich bezwingen ... um ihretwillen werde ich reisen ...“
Er hatte das Gefühl, als sei ihm unvermutet ein Feind erstanden, einer, von dessen Dasein er bis zu diesem Augenblick keine Ahnung gehabt ... Er spürte plötzlich eine Macht, die stärker war als seine ... Seine erste, impulsive Regung war, sich dagegen zu wehren.
„Kann diese Frau wünschen, daß man ihren Sohn mit Almosen täuscht?“ fragte er erregt. „Sprechen Sie mit ihr — hören Sie ihre Antwort. Ich weiß sie im voraus. Eine alte Frau, die das Leben kennt, die weiß, daß Mitleid und Dankbarkeit und Lüge keine Fundamente sind, auf denen eine Ehe sicher stehen kann.“
Jutta schwieg. „Nein,“ dachte sie, „ich hätte nicht den Mut, mit ihr davon zu sprechen.“