Er ging hin und her, die Hände in den Taschen, so daß der hellgraue Gehrock zurückgeschoben und die weiße Weste ganz sichtbar war. Sein Ausdruck war finster.
Er fragte sich voll Unruhe: Kämpfe ich reinlich? Darf ich überhaupt kämpfen?
Er wünschte vor niemand und am allerwenigsten vor dem fernen Mann dieser Frau die Augen niederzuschlagen. Und zugleich fühlte er deutlich: sie liebt mich — sie ist mein Glück — alles andere war Irrtum. Irrtum, den man nicht endet, wird bewußte Lüge — sie aber ist Verbrechen.
In einem rauhen Wunsch, ganz selbstlos zu sein, fragte er mit harter Stimme: „Und warum sind Sie nicht bei dieser Frau, die Sie lieben? Warum nicht zu ihr geflüchtet, als Malte ging? Um bei ihr zu sein, in Ihrer schweren Stunde?“
„Sie ist arm, Maltes Mutter — hat in einer kleinen Wohnung knapp ihr Auskommen — als vermögenslose Witwe eines Beamten ... mir ist erst später klar geworden: wenn ich als Braut oft und lange bei ihr war — sie hat’s nachher mit Entbehrungen wieder hereinsparen müssen — das auch, ja, das auch macht mich so klein vor ihr ...“
Ihre Augen standen voll Tränen.
„Und warum kam sie nicht zu Ihnen?“ forschte er weiter.
„Ich weiß es nicht,“ sagte Jutta, „ich verstehe so oft nicht: warum hab’ ich dies getan und das gelassen ... Ich glaube, es war dies: ich litt so sehr, weil Malte ging, und wollte nicht, daß Mutter mitlitt, und ich dachte: ich will erst allein zur Fassung kommen ... Aber ich kam nie zur Fassung ... immer wuchs eine schwere Stimmung in mir zu einer neuen Unsicherheit aus ... Ich mochte Mutter nicht hineinsehen lassen ... Und zuletzt, als mir so war, als habe ich alles nur geträumt, als habe ich gar keinen Mann mehr und keine Liebe und kein Glück ... ja, da hab’ ich mich vor ihr gefürchtet ... Und immer geschrieben: komm nicht — ich bin stärker allein ... und war doch krank vor Sehnsucht. Und wenn Mutter mich gefragt hätte: vor Sehnsucht nach ihm? Was konnte ich ihr sagen? Ich weiß es nicht ... Jetzt kommt mir manchmal so vor, als sei das schon immer gewesen — auch als er noch bei mir war — immer schien mir, es müsse hinter dem wirklichen Leben noch ein anderes stehen — das eigentliche — ich litt so sehr von diesem Gefühl, weil es so unbestimmt war, so unklar ... ich dachte oft: Wenn mir dies nur jemand erklären könnte, warum ich solche Sehnsucht habe — und wonach ...“
Er schloß kurz die Augen. Er war sehr bleich. „Sie liebt mich,“ dachte er, „sie hat mich immer geliebt. Und hat es nicht gewußt. Das ist das Geheimnis ihrer Sehnsucht.“
Seine Leidenschaft für sie konnte gar keinen anderen Schluß ziehen als diesen ...