Nun glaubte er seine Pflicht deutlich vor sich zu sehen. Die Art ihrer Erfüllung durfte aber nicht von seinen heißen Wünschen bestimmt werden, sondern nur von der Achtung vor dem fernen Mann und vor dieser schutzlosen Frau, die er für sich zu erringen hoffte ...
Jetzt, nach all ihren Geständnissen, hoffte er es ganz gewiß ...
„Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit,“ sprach er, „wollen Sie auch mir gestatten, offen zu sein — Ihnen zu raten — zu sagen, wie ich Ihre Lage sehe?“
Sie nickte stumm und sah ihn beinahe glücklich an. Ja, wenn er ihr Leben in seine Hand nehmen und ihr sagen wollte, was sie tun müsse, dann müßte alles klar und sicher werden.
„Nach dem, was Sie mir von Ihren Gefühlen der Mutter gegenüber erklärten, darf ich Ihnen nicht mehr raten: Gehen Sie zu ihr. Umgekehrt — nein: Sie dürfen ihr so und jetzt nicht begegnen. Denn anstatt durch sie zur Klarheit zu kommen über das, was Ihr Herz will und muß, würden Sie vielleicht auf einen falschen Weg gedrängt ... Und Sie, nein, Sie dürfen nichts, nichts tun, was für immer Ihr aller Leben verderben kann, ob es gleich im Augenblick eine Tat der Pflicht scheint.“
Sie hörte voll Spannung ...
„Erkämpfen Sie sich Klarheit ... Darauf kommt nun alles an. Für Sie selbst. Und für die, die Sie lieben ...“
Sie nickte langsam vor sich hin.
„Und mein Rat ist dieser: Gehen Sie fort von hier ... von all diesen Freunden gehen Sie fort, deren liebevolle Fürsorge Ihnen unwillkürlich die Freiheit nimmt ... Gehen Sie fort aus dieser Umwelt, die Ihnen Ihre Sehnsucht vielleicht beunruhigt und unklar gemacht hat — diese Umwelt, die fortwährend für und gegen den fernen Mann sprach. Gehen Sie fort, und versuchen Sie zu verstehen, was denn Ihre Sehnsucht eigentlich will.“
„Und wohin?“ fragte sie leise. Das kam wie eine Klage heraus — der Schmerz der heimatlos gewordenen Seele war darin.