„Nehmen Sie Ihr liebes, kleines Kind und diese treue Martha, die an Ihnen zu hängen scheint ... suchen Sie neue Bilder, die groß zu Ihnen sprechen ... das gibt so viel Fähigkeit, sich unbefangener selbst zu sehen ... gehen Sie in die Berge — später nach Italien ... ich werde Sie nicht sehen, Jutta ... ich muß es mir versagen ... obschon ich in Ihrer Nähe sein würde ... ich bin zur Botschaft in Rom versetzt. Sie verstehen — ich müßte es mir versagen, Sie zu sehen ... Aber ich wäre doch da ... Und wenn eine Stunde käme, wo Sie mich brauchten ... eine Stunde, die größer wäre als alle Rücksichten auf die Welt ... Sie könnten mich rufen ... Dieser Gedanke erlöst Sie vielleicht ein wenig aus der Furcht vor Einsamkeit ...“
„Ja,“ sprach sie, „ja ... alles will ich ... alles soll geschehen, wie Sie sagen.“
Diese vollkommene Unterordnung unter seinen Willen ergriff ihn.
Heiße Worte wollten sich auf seine Lippen drängen.
Er schwieg. Sie standen einander gegenüber. Er rang hart mit sich. Seine Arme hätte er öffnen mögen, ihr leise sagen mögen ... komm ... komm.
Und sie zitterte — erriet ihn — bebte vor Begierde nach seinem Kuß und wehrte sich zugleich. „Nein, nein, nein,“ dachte sie.
Ein paar schwere, schwüle Augenblicke lang ... die Versuchung lähmte sie fast ... noch ein Atemzug ... Und sie wichen voreinander zurück ... voll Furcht vor sich selbst — und dennoch stark ...
Er wandte sich ab und trat an das grün überdeckte Gitter.
Er sah nichts von der Welt draußen, die, übergossen vom raschen, starken Regen, nun geduckt und gewaschen stand. Die Blätter an Busch und Baum waren niedergestrichen vom schweren Naß.
Nein, er sah nichts und fühlte immer nur dies eine als stolzen Wunsch: standhaft handeln.