„Hektor — Hektor,“ rief, auf den Stufen der Verandatreppe stehend, Lisbeth über den Garten hin.
In einer Pünktlichkeit des Gehorsams, dessen Rosenfeld sich gar nicht bewußt war, kehrte er auf der Stelle um und wandte sich dem Hause zu.
Lisbeth, Zigaretten rauchend, was sie übrigens gar nicht vertragen konnte, brauchte Hilfe. Gegen den Geheimrat sich zu verteidigen, ging über Frauenkraft, und sie habe doch sonst den Mund auf dem rechten Fleck. Aber so ein Spötter ... und man unterscheide nie: Kompliment oder Bosheit ...
So gingen ihre lachenden Reden, und der kleine, bartlose Geheimrat mit dem glatten, graublonden Haar und mit seinen beunruhigend klugen, durchgearbeiteten Zügen schmunzelte, und hinter seinen Brillengläsern blitzten seine Augen scharf.
Emmich Hochhagen ging zu seiner Braut.
In der rechten Nische der an beiden Seiten abgerundeten Veranda saß eine kleine Gruppe, die Hochhagens Augen sehr erfreulich schien. Da war die noch jugendliche Geheimrätin, der man ihre zwei- oder dreiundvierzig Jahre nicht ansah. Sie hatte jene ausgeglichene Freundlichkeit im Wesen, die nur Menschen aufbringen können, die sich ganz in Harmonie mit ihrem Leben fühlen. Ihre angenehme Art, im Verein mit ihren sicheren Formen und der geschmackvollen Sorgfalt ihrer Kleidung, machte ihre Erscheinung so günstig, daß man sie im allgemeinen unter die hübschen Frauen rechnete. Emmich brachte ihr eine starke Sympathie und Dankbarkeit entgegen. Wie gern sah er, daß seine Schwiegermutter sich eifrig mit Jutta beschäftigte.
Die saß neben der Geheimrätin und schien mehr zu hören als selbst zu sprechen. Er konnte aus ihrem Gesicht nicht klug werden diesen Abend. Soweit es seine Stellung als Held des kleinen Festes und als ganz und gar glückseliger Bräutigam zuließ, hatte er die Freundin beobachtet. Und dann immer voll Sorge gedacht: Sie ist ja gar nicht hier! Wo waren diese Gedanken, die oft dem dunkeln Auge einen so zerstreuten, suchenden Blick gaben? Weshalb fuhr sie oft wie im Schreck zusammen, wenn man sie anredete? Aus welchem Grunde blieb ihr Lächeln so erkünstelt?
Er hatte noch gar nicht mehr mit ihr sprechen können als die Worte, die zwischen ihr und seinen Schwiegereltern und den wenigen anwesenden Bekannten und Verwandten des Hauses vermitteln sollten.
Nun zog er sich einen Stuhl heran. — Kante an Kante mit dem Renatens, die neben dem Korbsofa saß und dem Gespräch der Mutter mit Jutta zuhörte. Sie hatte dabei liebkosend Juttas Hand gehalten und manchmal zärtlich gestreichelt. Das ließ sie nun und lehnte leise die Schulter an die Emmichs und schob ihre Hand unter seinem Arm durch.
Für die Geheimrätin hatte die Welt einen sicheren Mittelpunkt: ihren Mann. Nicht nur ihre Liebe machte ihn dazu. Jeden Tag, seit vierundzwanzig Jahren, sah sie, daß ein ganzes System um ihn kreiste, dessen Sonne er war. Studenten, Patienten hingen voller Respekt an seinem Wort. Er war da ein so unbedingter und autoritativer Herrscher, daß ein Blick, eine flüchtige Anordnung genügte, sein Reich in Ordnung zu halten. Sie hatte auch schon so oft erlebt, daß Hoheiten, königliche und andere, sich in unbedingtem Gehorsam diesem Treiben einfügten, daß sich in ihrem Bewußtsein dies festgesetzt hatte: Wo meines Mannes Herrschaft anfängt, hört jede andere auf. Danach hatte sie, wie von selbst, ihr ganzes Frauenleben und ihren ganzen Hausstand gebildet und zurechtgelegt. Sie hatte das starke Gefühl: Mir liegt es ob, seine kostbare Persönlichkeit für das Heer der Leidenden frisch und leistungsfähig zu erhalten.