Juttas Briefe an die Mutter waren in den letzten drei Monaten nichts gewesen wie Tagebuchaufzeichnungen über jede das Kind betreffende Kleinigkeit. Die alte Frau war also unterrichtet. Aber das Thema hatte ja seine Unerschöpflichkeiten. Mit Kameradenfrauen, die gleich ihr junge Mütter waren, konnte Jutta es endlos besprechen.
Dies nun war Maltes Mutter. Und sie hatte ein Recht, ihr heißes Interesse an diesem jungen Leben in dringlichen Erkundigungen zu betätigen.
Sie hatte ein Recht ... Das sagte Jutta sich, das wußte sie — es war die einfachste, naturgemäßeste Tatsache von der Welt. Und dennoch war es gerade dies Anrecht, gegen das sich in Juttas Herzen ein undeutliches Gefühl wehrte.
Unruhig, von grenzenlosem Erstaunen auf das Schwerste bedrängt, fand sich die junge Frau der alten Frau gegenüber nicht zurecht.
Seit einem Jahr, genauer, seit dreizehn Monaten, hatten sie sich nicht gesehen. Eine Frau von Sechzig verändert sich in einem solchen kurzen Zeitraum nicht mehr. Ihr Wesen ist vom Leben schon so festgefügt, daß keine Linie mehr ins Schwanken kommt.
Hab’ ich denn damals andere Augen gehabt? fragte sich Jutta.
Sie konnte sich nicht mehr vorstellen, daß sie damals, in glückseliger Dankbarkeit, zärtlich, voll kindlicher Ergebenheit, sich an diese Frau geschmiegt.
Nun, damals war die Frau die Mutter des geliebten, ersehnten Mannes gewesen — und die Sehnsucht nach dem Sohn hatte um seine Mutter einen verklärenden Schimmer gewoben. Und das unklare Gefühl: als habe die Mutter den Sohn wegzuschenken, als sei sie die Glückspenderin — dies überkommene Restgefühl von dem uralten, primitiven Wissen mütterlicher Oberhoheit, das hatte die Braut blind und demütig gemacht ...
Das dachte Jutta ungefähr. Ihre in Leid und Kämpfen reifer und dennoch zugleich krank gewordene Seele begriff den Wechsel ...
Die alte Frau hatte sich gewiß nicht verändert.