Nur die Augen waren andere geworden, die sie sahen ... Und die Zusammenhänge waren andere ...
Und dann: Jutta fühlte, daß diese Mutter hier saß als Sachwalterin des fernen Sohnes ... Hier saß, fast an seiner Statt.
Jutta starrte sie an — sie forschte in dem alten Gesicht.
Ja, das waren die gleichen aufmerksamen Augen, die Malte hatte ... das die gleiche Form der Stirn, obschon ihre Breite bei der Frau durch die glatten, gebogenen Scheitel etwas verdeckt wurde; das seine gerade Nase und sein länglich rundes Wangenprofil. Und da war auch ein Klang in ihrer Stimme — oder vielleicht nur die Übereinstimmung im Gebrauch dieser und jener sprachlichen Wendung ...
Das wunderbare Spiel der Ähnlichkeiten äffte — gab seine ironischen Späße zum besten ... holte die wenigst ansprechenden Züge des einen Menschen herbei, hielt sie neben die gewinnenden des anderen und zeigte auf, wie sie sich glichen. Und entadelte ...
„Kind, was siehst du mich denn so an?“
„Wie sehr du Malte gleichst ...“ meinte Jutta mühsam.
„Ja,“ sprach die Mutter stolz, „man hat es mir immer gesagt.“
Die Äußerung hatte der alten Frau sehr wohl getan. Das bedeutete ihr: Bewunderung! Liebe! Und machte ihr das Herz wieder wärmer und freier.
Denn auch sie war benommen und beklommen — von Viertelstunde zu Viertelstunde mehr. Sie klammerte sich aus Verlegenheit an das Kinderpflegegespräch — nicht als ob es sie nicht von ganzem Herzen interessierte — o nein. Aber sie wußte ja aus den Briefen alles ... und man konnte noch so viel davon sprechen ... es gab andere Dinge, die im Moment stärker auf der Zunge brannten: wann Jutta reisen wolle? Ob sie sich nicht unaussprechlich freue? Ob der Gedanke dieser Reise in Juttas Herz entstanden sei, weil sie sich zu sehr nach dem Mann sehnte? Oder ob Malte den Wunsch gehabt habe, weil er es nicht mehr ohne Jutta aushalte? ... Das wollte ihr mütterliches Gemüt wissen. Sie wollte in die Seele der Tochter hineinsehen und die Leiden, Seligkeiten und Sehnsüchte junger Gattenliebe nachempfindend mitgenießen. Ja, das wollte sie: von der Liebe und der unzerstörbaren Zusammengehörigkeit ihrer Kinder viel erfahren — weil ihr das eine schöne Ernte eigener Lebensmühen schien ...