Ein Anspruch auf viel Rührung war in ihr ... Und der blieb unerfüllt ...
Da war irgend etwas in Juttas Wesen, was ihr neu deuchte, fremd, abweisend — trotz all der zärtlichen Fürsorge, die in der feierlich anmutig hergerichteten Fremdenstube, am festlichen Abendtisch, in jedem Wort voll Aufmerksamkeit sich kundgab.
Die Mutter staunte auch ihrerseits in wachsender Unsicherheit die Tochter an.
Wie hatte Jutta sich entwickelt! Nun, das war natürlich! Man hatte sich zuletzt am Hochzeitstage gesehen. Inzwischen war dieses schöne, begabte Geschöpf Frau und Mutter geworden, und die aus dem Beruf des Mannes herausgewachsenen Umstände hatten ihr auch auferlegt, sich in Zeiten allein zurechtzufinden, wo ein junges Weib des Gatten besonders bedarf.
Die Mutter hatte es ja auch aus den Briefen herausgefühlt, daß in Juttas Gemüt keine klare Zuversicht sei. Sie kränkte sich, daß die Tochter nicht nach ihr rief. Aber sie legte es sich, und vor allen Dingen vor ihren guten Bekannten daheim legte sie es so zurecht: Es ist schonendste Rücksicht, Jutta fürchtet, durch ihren Kummer mich mit kummervoll zu machen.
Denn im Grunde genommen dachte sie immer mit einigen zagen Hühnergefühlen an den Sohn, der auf fernen Meeren mit seinem Schiff schwamm. Und ihr war eine so weite Trennung jedesmal etwas Phantastisches gewesen, unter dem sie litt. Sie stellte sich deshalb den Zustand Juttas als den einer beständigen ängstlichen Ruhelosigkeit vor.
Aber nun kam ihr die Empfindung: diese Entwicklung hatte sich nicht auf der geraden, gegebenen Linie bewegt. Sie spürte mit der im Untergrund aller Mutterherzen sprungbereit liegenden Eifersucht, daß in Juttas Gemüt Zustände waren, die sie, die Mutter, nicht verstehen und erkennen konnte, und die allein schon deshalb ihr bedrohlich schienen und sie mit feindseligen Vorurteilen erfüllten.
Die Mutter hatte gar nichts anderes erwartet, als daß Jutta ihr schon im Wagen um den Hals fallen und vor Freude glühend sagen werde: Ich soll zu ihm reisen! Ist es nicht himmlisch?
Kein solcher Ausbruch hatte stattgefunden. Im Gegenteil war etwas in Juttas Wesen und in der Art, wie sie in den Gesprächen an der Hauptsache vorbeiglitt, daß die Mutter sich noch nicht einmal getraut hatte, ihrerseits davon anzufangen.
Aber nun, nach der Äußerung über die Ähnlichkeit, nun nahm sie sich ein Herz.