„Liebes Kind,“ begann sie und faltete dabei auf das sorgsamste ihre Serviette zusammen, um sie dann in den silbernen Ring zu stecken, „liebes Kind — das ist ja wohl kein kleiner Entschluß? Malte schrieb so kurz und bündig davon. Bloß so ungefähr: hol das Kind, Jutta soll gleich zu mir kommen, wir können uns in Hongkong treffen. Aber wenn man zu seinem liebsten Mann reisen kann, ist ja alles egal: Seekrankheit und die weite Tour. Wirst du seekrank? Du bist doch mal als Backfisch mit deinen Eltern nach Schottland gefahren und nach ’m Nordkap.“
„Das wäre ja egal,“ sagte Jutta zerstreut.
Die alte Frau wischte sich die Lippen nochmals mit der vom Ring zusammengehaltenen Serviettenrolle ab, legte sie dann entschlossen hin und fuhr eifrig fort: „Du kannst mir Baby ruhig anvertrauen. Das weißt du ja auch. Zu meiner Zeit waren andere Methoden. Aber ich werde mich ganz an die halten, die du bisher mit Baby befolgt hast. Frau Oberst Ruhland wunderte sich immer so. Ihre Enkel werden immer das erste Jahr in Kleie gebadet. Nun kann sie mal sehen, daß ein Kleines auch ohne das stramm wird. Frau von Brechta ist ganz gegen Baden. Ihre Enkel werden bloß kalt abgewaschen. Sie sind aber auch skrofulös. Wir sprechen oft bei unserer Whistpartie von diesen Sachen. Man kann ja verschiedener Meinung sein. Aber das muß ich doch mal sagen: du glaubst nicht, wie rechthaberisch die Brechta wird. Was ihre Kinder und ihre Enkel haben und tun, ist immer besser als das, was unsere sind. Ja ...“
Diese Worte stießen für Jutta kein Fenster auf, durch das sie hineingesehen hätte in ein rührendes kleines Idyll, wo alte Frauen, Daseinskämpferinnen a. D., ausgeschaltet aus allem weiblichen Erleben, von fern in bescheidener, vielleicht auch stillschmerzlicher, entsagender Zuschauerfreude ihrer Kinder und Enkel Tage in endlosen Gesprächen nachkosteten. An diesem Whisttisch, dessen blanke Platte die starkgeaderten, blassen, alten Hände, die die Karten hielten, widerspiegelte. Und wo eigentlich jede Frau nur Monologe sprach und den Reden der Genossinnen nur scheinbar aufmerksam zuhörte, um damit für die eigenen Mitteilungen Aufmerksamkeit zu erkaufen.
Nein, Jutta dachte nur in flüchtiger Verwunderung, was diese fremden alten Frauen mit ihrem Kinde zu tun hätten. Und sie fühlte: sie müsse sprechen.
„Mutter,“ sagte sie sanft, „es ist noch nichts entschieden.“
Die Mutter öffnete den Mund.
„Wir sprechen morgen darüber,“ fuhr Jutta fort, „ich glaube nicht, daß ich es über das Herz bringe, mich von meinem Kind zu trennen. Und auch sonst ...“
Die Mutter kannte nur ganz einfache Gefühlszustände. Für sie bestand das Leben eigentlich aus lauter Vierecken, die man, gleich Mauersteinen, glatt aneinander bauen kann.
Diese Äußerung war ihr gar nichts Rätselhaftes. Sie sah sofort einen Haufen Gründe, die ihr auch Juttas verhaltenes, unfreies Wesen mit einem Schlage klar machten.