Mit Blick und Rede drang sie nun auf Jutta ein, sehr lebhaft, gar nicht beleidigt, sondern voll Gerechtigkeit.

„Fühl’ ich dir nach, Kind. Ganz und gar. Du denkst: was wird Mutter für Last haben, sie ist es nicht mehr gewohnt mit so einem Kind! Und du denkst, das kostet Mutter ja auch zu viel, denn die Martha muß doch mit. Und du meinst auch: so ’ne Reiserei nach China ist zu teuer, man darf sich solchen Luxus für sein Gefühl mit gutem Gewissen nicht gönnen, man muß tapfer sein. Und du bildest dir ein, nachher schmeckt das Alleinsein doppelt schlecht und fürchtest: wer weiß, vielleicht kann ich’s dann nochmal erleben müssen, ein Baby zu bekommen, wenn mein Mann fern ist. Aber sieh mal ...“

Und nun widerlegte sie selbst all diese einfach derben Gedanken, die sie für selbstverständlich als die die Tochter beherrschenden annahm, und verbreitete sich darüber, daß es ihr keine Last, sondern ein unaussprechliches Vergnügen sein solle; daß man ja die Mehrkosten ihres Haushaltes, die entständen, ganz ungeniert verrechnen könne; daß junge Leute, die sich liebten, auf ein paar tausend Mark nicht sehen sollten, um so weniger, als sie es doch dazu hätten. Und zu dem letzten Punkt der Erwägungen, die sie bei Jutta vermutete, brachte sie allerlei Beispiele vor von Frauen, die sich durch den unruhevollen Beruf des Mannes drei- und viermal hintereinander in ihrer schweren Stunde allein gesehen ...

Ihr Leben war klein und eng. In solchem Leben drängt schon die Notwendigkeit, alles mit plumper Genauigkeit zu erwägen ...

Und aus dieser ihrer Gewöhnung heraus sprach sie eifrig, gutherzig, voll Verstand ... dem freundlichen Hühnerhofverstand ... für den es innerhalb seines Gitters keine Diskretion und außerhalb keine Bewegung und Wichtigkeit mehr gibt ...

Dem Strom dieser Redeflut, die aus dem Ackergelände einer platten Auffassung sich heranwälzte, fühlte Jutta sich nicht gewachsen. Wie hätte sie ihm begegnen sollen? Mit dem Geständnis ihrer Unklarheiten und ihrer Not?

Der bloße Gedanke erschien hiernach beinahe grotesk ...

„Morgen, Mutter, morgen,“ sagte sie matt.

Und in der Nacht lag sie und sann den Brutalitäten der Entwicklung nach.

Ist denn von Mensch zum Menschen keine Sicherheit? Stellt die Trennung jeden in ein anderes Licht?